: Petra Gabriel
: Ein Jahr auf Kuba Auswandern auf Zeit
: Verlag Herder GmbH
: 9783451807664
: 1
: CHF 8.90
:
: Reiseberichte, Reiseerzählungen
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es piept, pfeift, trillert, tutet, trötet unablässig aus den Autos, Motorrädern, Bussen, Cocotaxis und Bicitaxis auf Havannas Straßen. Fliegende Händler ziehen durch die Gassen, Scherenschleifer zücken ihre Trillerpfeifen. Petra Gabriel hat sich ihren Traum von der Sehnsuchtsinsel Kuba erfüllt. Sie stürzt sich ins pulsierende Leben der Hauptstadt und erlebt eine Insel zwischen dem Gestern der Revolution und dem Morgen einer hoffnungsvollen Zukunft. Ein einmaliges Leseerlebnis - und eine Einladung, Kuba reisend zu erobern.

Petra Gabriel ist Journalistin, Dolmetscherin und Autorin. Sie hat bereits mehrere historische Romane veröffentlicht. O Hanna ist ihr erstes Jugendbuch. Petra Gebriel lebt in Laufenburg und Berlin.

März

MIT VORURTEILEN IST DAS SO EINE SACHE, besonders mit jenen, die uns mit einer gewissen Nachhaltigkeit eingeimpft wurden. Irgendwann beginnt man zu glauben, es könnte etwas Wahres dran sein. Diesen Satz zum Beispiel höre ich immer wieder: „Wer dasalte Kuba noch erleben will, der sollte sich beeilen.“ Als ausgesprochene Westpflanze ohne jede Erfahrung mit dem real existierenden Sozialismus habe ich keine Ahnung, ob das wirklich so ist. Auch nicht, wie das „neue“ Kuba aussehen könnte. Es klingt für mich jedoch so, als ginge aufgrund der sich anbahnenden Annäherung zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten in nächster Zukunft eine Welt unter, eine Art Paradies verloren. Das muss ich mir anschauen, solange es noch existiert, denke ich mir – und buche kurzentschlossen die erste Busrundreise meines Lebens.

Um mich einzustimmen, fliege ich zunächst nach Varadero in die Provinz Matanzas, zu jener Halbinsel also, auf der Hotel an Hotel steht. Ich mag es, die Welten langsam zu wechseln. Und dann geht es vierzehn Tage einmal quer durch Kuba, von West nach Ost bis Baracoa. Mein Kopf ist vollgepfropft mit Informationen aus Reiseführern. Gut, es steht überall, dass die Kubaner offen sind, zuvorkommend, gastfreundlich, lebenslustig. Stimmt. Und die Insel ist tatsächlich wunderschön mit ihrer abwechslungsreichen Natur, den Tabakfeldern im Tal von Viñales und den unwegsamen Mogotes, den Kegelkarstbergen, bis hin zum Humboldt-Nationalpark und den Regenwaldgebieten im Osten. Trinidad, Santiago de Kuba, Cienfuegos, Holguín – ich genieße die Fahrten durch das Land, vorbei an den meist einstöckigen Häusern dercampesinos, den oft liebevoll gepflegten Gärten davor, denbodegas am Wegesrand. Ja, stimmt alles.

Dennoch ist das nur ein Teil der Realität. Was ich noch nicht ahne: Es werden weitere Monate auf Kuba folgen. Monate, die mir mehr bieten und abfordern werden als jene „Wahrheit“, die ich bei meinem ersten organisierten Besuch auf der Insel erlebt habe. Denn bei dieser Busrundreise ist etwas Entscheidendes geschehen: Am Ende habe ich mich Hals über Kopf in die Insel und ihre Menschen verliebt. Ich will unbedingt wiederkommen, länger blieben, leben wie die Kubaner.

Schon während der gut zehn Stunden, die mein erster Flug von Frankfurt nach Varadero dauert, habe ich genügend Gelegenheit, mein Vorwissen über Kuba zu rekapitulieren. Zumal ich Holzklasse fliege, und das bedeutet: Ich kann wegen fehlender Beinfreiheit nicht schlafen. Andererseits hätte ich auch mit mehr Beinfreiheit nicht schlafen können. Ich kann unterwegs nie schlafen, sei es im Auto, im Zug oder im Flugzeug.