: Sophia Meyer
: Bibliotherapie Eine aktuelle Bestandaufnahme
: Mainzer Institut für Buchwissenschaft
: 9783945883495
: 1
: CHF 7.90
:
: Buchhandel, Bibliothekswesen
: German
: 109
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit der Hilfe von Büchern und den Geschichten, die sie zu erzählen haben, den Menschen bei psychischen Problemen und Erkrankungen zu helfen - das ist das Ziel der Bibliotherapie. Diese hat sich Sophia Meyer in ihrer Masterthesis zum Thema gemacht. Mittels einer ausführlichen Einführung in die historische Entwicklung der Bibliotherapie wird vor allem auch fachfremden Lesern ein einfacher Zugang in die Thematik geboten. Mit kritischer Distanz analysiert Meyer die Funktionsweisen von in der Praxis angewandten Werken und ihrem Wirken auf den Patienten. Welche Möglichkeiten bietet hierbei das Medium Buch? Und wo liegen die Grenzen dieser Therapieform? Ein besonderes Augenmerk liegt hierbei auf den klassischen Märchen, ihren Archetypen und ihrer Symbolik. Diese Arbeit ist Teil der Reihe Initialen, in deren Rahmen herausragende Abschlussarbeiten der Mainzer Buchwissenschaft veröffentlicht werden.

Sophia Meyer wurde 1989 in Mannheim-Neckarau geboren. 2013 schloss sie ihr Bachelorstudium mit dem Hauptfach Buchwissenschaft und dem Nebenfach Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ab. Mit ihrer Thesis zum Thema Bibliotherapie beendete sie 2016 erfolgreich das darauffolgende Masterstudium. Parallel dazu sammelte Frau Meyer als Werkstudentin praktische Erfahrungen bei der SAP SE, wo sie unter anderem in der Projekleitung und dem Lektorat eines IT-Fachbuchs eines Fachbuches mitarbeitete.

2Theoretische Einordnung der Bibliotherapie


2.1Ziele und Wirkung


Die für diese Arbeit verfasste Definition der Bibliotherapie berücksichtigt unterschiedliche Anwendungsbereiche mit dem traditionsreichen Ziel der Heilung durch Bücher und Lesen.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich John Minston Galt mit der Wirkung literarischer Texte auf psychisch Kranke. Er analysierte die unterschiedlichen Textarten und Patiententypen und fasste die Hauptfunktionen der Literatur zusammen. 1847 stellte er seine Ergebnisse vor dem Kongress derAmerikanischen Gesellschaft für Psychologie vor.[89] Der Gebrauch von Literatur für Kranke, speziell in Krankenhäusern, hatte in seinen Augen vorteilhafte Effekte. Sie ermöglicht: »1. Ablenkung von krankhaften Gedanken, 2. Zeitvertreib und Aufheiterung, 3. Information, 4. Demonstration des Anstaltsinteresses am Wohlergehen des Patienten, 5. Verbesserung der Therapiebereitschaft«[90].Hiermit fasst Galt die Schwerpunkte der theoretischen Bibliotherapie zusammen, wie sie auch in anderen Werken der Forschungsliteratur zu finden sind. Die Erklärung Vollmers und Wibmers legt den Fokus auf die emotionalen Effekte, die sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppentherapie angestrebt werden. Sie erkennen im Schreiben eine Möglichkeit zum Selbstausdruck und eine Stimulation neuer Gedanken und Gefühle, was wiederum Symptome und innere Belastung reduzieren kann. Außerdem soll auf diesem Wege das Selbstwertgefühl, das Gefühl für Selbstständigkeit und die Kreativität entwickelt werden.[91]

Michael Shiryon unterscheidet drei mögliche Wirkungen des Lesens: Den Effekt auf den Verstand und die Logik, die Wirkung auf die Fantasie und zuletzt den Einfluss auf die Gefühle und Erfahrungen. Diese wendet er im Rahmen seiner Literaturtherapie in Gruppentherapiesitzungen an und benutzt auf die individuellen und persönlichen Situationen der Teilnehmer abgestimmte Kurzgeschichten.[92]

Es wird angenommen, Lesen wirke auf die Fantasie ihres Lesers ein, und ermögliche Eskapismus, die Flucht aus der Realität in eine Scheinwelt und in die eigene Fantasie.[93] Damit verbunden ist ein gedanklichesEintauchen in eine Welt ohne Verbote, Regelungen und Kontrollinstanzen. Stilles Lesen beinhaltet die Abschottung von der Außenwelt und die Konzentration auf die Inhalte[94] und bringt den Leser somit in eine Situation, die die mentale Regeneration erleichtert und den Leser durch den Abstand vom Alltag beruhigt und erholt[95]. Nach Gerk können Bücher auf diesem Wege eine mentale Zuflucht für den Menschen darstellen.[96] Haringer benutzt den Begriff »Wunderwelten«[97] für den Zustand, in dem der Rezipient sich beim Lesen befindet.

Bücher können amüsieren und berühren,[98] bieten Unterhaltung, Aufheiterung und Zeitvertreib und rufen Beruhigung hervor, was unter anderem an der für das Lesen nötigen Situation der Ruhe liegt, an der gezielten Gedankenlenkung und dem damit verbundenen Entspannen.[99] Dieser Wirkung wegen wird das Lesen auch von vielen gesunden Menschen als Einschlafhilfe und als Mittel gegen innere Unruhe genutzt.[100] Außerdem kann Lesen den Rezipienten, nicht zuletzt von sichselbst, ablenken.[101]

Ein weiteres Ziel der Bibliother