2Das Wertesystem der Gegenwartsgesellschaft – Theoretische und begriffliche Grundlagen
2.1Die Gesellschaft im Wandel – Soziale Milieus und Lebensstile
Die Gesellschaft und ihre Gemeinsamkeiten anhand statistischer Daten zu beschreiben und zu analysieren ist heutzutage schwieriger denn je. Konnten traditionelle Gesellschaften, wie sie noch bis um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts Bestand hatten, vor allem durch Stand-, Klassen- und Schichtmodelle beschrieben und gemeinsame Merkmale identifiziert werden, so müssen sich Zukunfts-, Markt- und Trendforschung heutzutage mehrdimensionalerer Modelle bedienen.[23] Die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist in erster Line von Pluralismus als Folge des Trends der Individualisierung geprägt. Somit sind demografische Kriterien allein nicht mehr ausreichend oder gar hinreichend, um gemeinsame Werthaltungen innerhalb dieser Gesellschaft kenntlich zu machen.[24] Charakteristisch für den Individualisierungstrend ist ein integrierter Individualismus, also »die Freiheit, sich der gesellschaftlichen Gruppierung anzuschließen, der sich der Einzelne am ehesten zugehörig fühlt«[25]. Einen mehrdimensionalen Ansatz bieten diesbezüglich bis in die Gegenwart Milieu- und Lebensstilmodelle. Die Einordnung der Gesellschaft in Milieus und Lebensstile kann helfen das Verhalten der Menschen zu erklären oder sogar vorherzusagen. Dem Milieu- und Lebensstilbegriff gemeinsam ist die Hervorhebung der individuellen Seite der Gesellschaft, also soziale Strukturierungen und Gruppierungen, die für das Denken und Verhalten der Menschen grundlegend sind.[26] Und dennoch weisen die Begriffe jeweils unterschiedliche Schwerpunkte auf, die wiederum in Milieu- und Lebensstilkonzepten münden, um ein gesamtgesellschaftliches Gefüge zu beschreiben.[27]
2.1.1Der Milieubegriff
Der Begriff »Milieu« bezeichnet die »Gesamtheit der äußeren, natürlichen (…) und der sozialen Umwelt (…) des Einzelnen bzw. einer Gruppierung, die auf die Entwicklung, Entfaltungsmöglichkeit und die Modalität sozialen Handelns Einfluss nimmt«[28]. Eine Definition des Milieubegriffs kann sich entweder auf Werte und Mentalitäten beschränken oder aber Umfelder und Ressourcen miteinbeziehen.[29] Im Folgenden wird daher vorwiegend der Begriff »soziales Milieu« verwendet, da in diesem Begriff beide Definitionsansätze miteinander vereint werden. Soziale Milieus sind demnach »Gruppierungen von Menschen mit ähnlichen Werthaltungen, Mentalitäten und Lebensstilen und einer geteilten räumlich-sachlichen Umwelt (wie Stadtviertel, Region, Beruf, Bildung und Erziehung, Politik und Kultur)«[30]. Im Gegensatz zur klassischen Einteilung nach Schichten und Klassen, die sich hauptsächlich durch »gemeinsame sozioökonomische Lebenslagen und Ressourcen«[31] auszeichnen, werden soziale Milieus als eine Art »sozialkulturelle Einheit«[32] verstanden. Zwar basieren beide Möglichkeiten der Gesellschaftseinteilung auf einer sozial strukturellen Ebene – der Milieubegriff impliziert jedoch gemeinsame Kulturmuster in Form von bestimmten Lebenswelten, Freizeit- und Konsumstilen der Menschen.[33] Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist die Einteilung in soziale Milieus von einer Klassen- und Schichtstruktur abhängig, denn