Was darf die Satire? (Tucholsky) –
Eine kleine Sonntagspredigt (Kästner)
Vom Sinn und Wesen der Satire.
Kurt Tucholsky und Erich Kästner – ein Diskurs
Vorbemerkung111
Am 9. Januar [2015] jährte sich zum 125. Mal Kurt Tucholskys Geburtstag. Dieses Gedenken datiert 2 Tage nach dem schwarzen Terrormittwoch, den mörderischen Angriff auf die Satireredaktion »Charlie Hebdo« in Paris, die in ihrer Satirezeitschrift den mörderischen Terror der IS [Islamischer Staat] karikiert hatte. Kurt Tucholsky, der zeitkritische Satiriker, politische Journalist, Kabarettautor und Kulturkritiker in der Weimarer Republik veröffentlichte 1919 imBerliner Tageblatt einen Essay mit dem TitelWas darf die Satire?, der gegenwärtig aus aktuellem Anlass viel diskutiert wird.
Tucholskys Appell nach dem I. Weltkrieg 1919 und sein Statement vor der Machtergreifung 1932:Die Zeit schreit nach Satire112 waren nicht nur nach dem II. Weltkrieg zur Zeit derunbewältigten Vergangenheit notwendig, sie gelten leider bis in unsere Gegenwart und zweifellos solange, wie Verfolgung aus Menschenverachtung, Fremdenhass, Unterdrückung, Vertreibung, Terror und Völkermord andauern.
Tucholsky meint mit Satire nicht einen unbegründeten Angriff und keine unbegründete Diffamierung. Seine satirische Waffe zielt auf provozierende Anklage und Aufklärung. Auch wenn mit einer verändernden Wirkung der Verhältnisse nicht zu rechnen ist, ist doch der geistige Kampf, Unrecht an den Pranger zu stellen, Menschenrechtsverletzungen zu brandmarken gerechtfertigt und notwendig. Tucholsky Kampf mit seiner satirischen Waffe endete tragisch vor 80 Jahren am 21. 12. 1935 bücherverbrannt, von Nazimördern verfolgt, ausgebürgert, staatenlos im schwedischen Exil an einer Überdosis Schlaftabletten: als »aufgehörter Schriftsteller«, wie er sich in seinem Abschiedsbrief an Arnold Zweig vom 15. 12. 1935 selbst bezeichnete.113 Auch die aktuellen Morde und terroristischen Anschläge geben eher Anlass zur Verzweiflung und Resignation. Wenn man aber auf die Geschichte blickt, kann man die Wirkung der zugespitzten Kritik und des Widerstandes erst in zeitgeschichtlicher Distanz einschätzen und würdigen. Und die Wirkung ist allein nicht zu messen an der Veränderung der gesellschaftlichen politischen Verhältnisse, sondern ebenso an den nur schwer zu evaluierenden Bewusstseinseinwirkungen und der Schärfung der Urteilsmaßstäbe.
Ein Vergleich der beiden sich als Satiriker verstehenden Schriftsteller Kurt Tucholsky und Erich Kästner, beideWeltbühne-Autoren am Ende der Weimarer Republik kann die beiden engagierten Autoren in ihrer jeweiligen Profilierung charakterisieren sowie ihre journalistischen bzw. literarischen Attacken auf die republikfeindlichen Tendenzen und faschistoiden Vorgänge in den Jahren vor der Nazidiktatur bewerten. Dabei wird es wichtig sein, das persönlich Konstitutive von den literarischen, handwerklichen Kompetenzen zu trennen.
Entscheidend für die Gültigkeit und damit die Wertigkeit sowie moralische Rechtfertigung einer Satire ist die Abwägung zwischen ihrer Erscheinungsform, der provokativ überspitzten, anklägerisch gestalteten Aussage, dem satirischen Angriff und dem zugrundeliegenden, den Angriff, die Kritik provozierenden Anlass. Der Maßstab zur Beurteilung des angegriffenen Sachverhalts, der angeprangerten Geisteshaltung bzw. die berechtigte Kritik an verletzten Wertmaßstäben und humanitären Werten ist entscheidend bei der Abwägung über die Unzulässigkeit eines satirischen Angriffs.114 Unabhängig davon ist es völlig legitim, si