: Harald Vogel
: Was darf die Satire? Kurt Tucholsky und Erich Kästner - ein kritischer Vergleich
: Verlag Ille& Riemer
: 9783954201150
: 1
: CHF 8.80
:
: "Deutsche Sprachwissenschaft; Deutschsprachige Literaturwissen- schaft"
: German
: 157
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kurt Tucholsky (1890-1935) hat nicht nur die Zeichen der Zeit erkannt und diagnostiziert, sondern auch öffentlichkeitskritisch in der Weltbühne die Grundsatzfrage gestellt Was darf die Satire? Sein jüngerer Schriftstellerkollege in der Weltbühne Erich Kästner (1899-1974) antwortet mit einem Beitrag über Sinn und Zweck der Satire. Beide berühmten Schriftsteller der Weimarer Zeit müssen sich messen lassen an ihren Texten, ein kritischer Vergleich ist angesagt. Dieser Diskurs muss aber auch beide Persönlichkeiten auf dem Hintergrund ihrer jeweiligen Biographie und ihres Gesamtwerkes sowie ihres Persönlichkeitskonzeptes würdigen. Ein solcher kritischer Vergleich der beiden engagierten Schriftsteller wird gerne vermieden, drängt sich aber aufgrund neuerer Erkenntnisse aus freigegebenen Nachlassquellen als notwendig auf. Die besondere Leidenschaft und ihr Erfolg als Kabarettautoren soll gesondert und beispielgebend untersucht werden. Der kontroverse Diskurs über Kurt Tucholskys satirischen Satz »Soldaten sind Mörder« vermittelt exemplarisch die literarische, publizistische, juristische, politische Debatte über satirische und Texte und Karikaturen. Diese kann daher auch didaktisch in der immer wieder aktuellen Auseinandersetzung um Angemessenheit und Notwendigkeit freiheitlichen Protestes gegen Unmenschlichkeit und Grundrechte mit journalistisch und medial begleiteten Mitteln erörtert werden. Die Texte, Bildmedien sind austauschbar, ihr Anspruch auf Kritik nicht: also ein lohnenswerter Anstoß zum kritischen Dialog, den dieses Buch vielfältig und materialreich anbietet.

Prof. Dr. Harald Vogel ist emeritierter Professor für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik, Spiel- und Theaterpädagogik. Promotion über Thomas Mann. Arbeiten u. a. zur deutschsprachigen jüdischen Literatur; Herausgeber und Autor der Reihe Leseportraits (bisher: Tucholsky, Kästner, Rose Ausländer, Brecht, Frisch und Fried). Leiter der Lyrik-Bühne Esslingen.

Was darf die Satire? (Tucholsky) –

Eine kleine Sonntagspredigt (Kästner)

Vom Sinn und Wesen der Satire.
Kurt Tucholsky und Erich Kästner – ein Diskurs


Vorbemerkung111

Am 9. Januar [2015] jährte sich zum 125. Mal Kurt Tucholskys Geburtstag. Dieses Gedenken datiert 2 Tage nach dem schwarzen Terrormittwoch, den mörderischen Angriff auf die Satireredaktion »Charlie Hebdo« in Paris, die in ihrer Satirezeitschrift den mörderischen Terror der IS [Islamischer Staat] karikiert hatte. Kurt Tucholsky, der zeitkritische Satiriker, politische Journalist, Kabarettautor und Kulturkritiker in der Weimarer Republik veröffentlichte 1919 imBerliner Tageblatt einen Essay mit dem TitelWas darf die Satire?, der gegenwärtig aus aktuellem Anlass viel diskutiert wird.

Tucholskys Appell nach dem I. Weltkrieg 1919 und sein Statement vor der Machtergreifung 1932:Die Zeit schreit nach Satire112 waren nicht nur nach dem II. Weltkrieg zur Zeit derunbewältigten Vergangenheit notwendig, sie gelten leider bis in unsere Gegenwart und zweifellos solange, wie Verfolgung aus Menschenverachtung, Fremdenhass, Unterdrückung, Vertreibung, Terror und Völkermord andauern.

Tucholsky meint mit Satire nicht einen unbegründeten Angriff und keine unbegründete Diffamierung. Seine satirische Waffe zielt auf provozierende Anklage und Aufklärung. Auch wenn mit einer verändernden Wirkung der Verhältnisse nicht zu rechnen ist, ist doch der geistige Kampf, Unrecht an den Pranger zu stellen, Menschenrechtsverletzungen zu brandmarken gerechtfertigt und notwendig. Tucholsky Kampf mit seiner satirischen Waffe endete tragisch vor 80 Jahren am 21. 12. 1935 bücherverbrannt, von Nazimördern verfolgt, ausgebürgert, staatenlos im schwedischen Exil an einer Überdosis Schlaftabletten: als »aufgehörter Schriftsteller«, wie er sich in seinem Abschiedsbrief an Arnold Zweig vom 15. 12. 1935 selbst bezeichnete.113 Auch die aktuellen Morde und terroristischen Anschläge geben eher Anlass zur Verzweiflung und Resignation. Wenn man aber auf die Geschichte blickt, kann man die Wirkung der zugespitzten Kritik und des Widerstandes erst in zeitgeschichtlicher Distanz einschätzen und würdigen. Und die Wirkung ist allein nicht zu messen an der Veränderung der gesellschaftlichen politischen Verhältnisse, sondern ebenso an den nur schwer zu evaluierenden Bewusstseinseinwirkungen und der Schärfung der Urteilsmaßstäbe.

Ein Vergleich der beiden sich als Satiriker verstehenden Schriftsteller Kurt Tucholsky und Erich Kästner, beideWeltbühne-Autoren am Ende der Weimarer Republik kann die beiden engagierten Autoren in ihrer jeweiligen Profilierung charakterisieren sowie ihre journalistischen bzw. literarischen Attacken auf die republikfeindlichen Tendenzen und faschistoiden Vorgänge in den Jahren vor der Nazidiktatur bewerten. Dabei wird es wichtig sein, das persönlich Konstitutive von den literarischen, handwerklichen Kompetenzen zu trennen.

Entscheidend für die Gültigkeit und damit die Wertigkeit sowie moralische Rechtfertigung einer Satire ist die Abwägung zwischen ihrer Erscheinungsform, der provokativ überspitzten, anklägerisch gestalteten Aussage, dem satirischen Angriff und dem zugrundeliegenden, den Angriff, die Kritik provozierenden Anlass. Der Maßstab zur Beurteilung des angegriffenen Sachverhalts, der angeprangerten Geisteshaltung bzw. die berechtigte Kritik an verletzten Wertmaßstäben und humanitären Werten ist entscheidend bei der Abwägung über die Unzulässigkeit eines satirischen Angriffs.114 Unabhängig davon ist es völlig legitim, si