: Helmut F. Späte, Klaus-Rüdiger Otto
: Leben nehmen Verführung zum Leben. Gedanken zur Suizidverhütung.
: Verlag Ille& Riemer
: 9783954201082
: 1
: CHF 8.80
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: Angewandte Psychologie
: German
: 182
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Mensch ist mit Vernunft begabt wahrscheinlich das einzige Tier, das seinen Tod vorwegnehmen, ihn planen, ja sogar herbeiführen kann.'Leben nehmen' - im allgemeinen Sprachverständnis wird dabei zunächst an 'Leben wegnehmen', an 'Leben beenden' gedacht - und das möglichst gewaltsam und vor der Zeit. Ich kann mein Leben 'wegwerfen', kann es beenden, kann es auslöschen. Mir kann auch das Leben genommen werden, etwa durch einen Unfall, von einem Totschläger oder vom Staat, sofern ich in einem Lande lebe, das die Todesstrafe als archaisches Mittel der Selbstbehauptung und der Machtdemonstration noch nötig hat. 'Leben nehmen' kann aber auch bedeuten, dem prallen, einmaligen Leben mit offenen Armen entgegen zu stürmen, es zu um umfassen und festzuhalten. Es entspräche der Natur des Menschen viel eher, sein Leben auszukosten mit seinen guten und seinen miesen Seiten und es damit - wie das heute allenfalls erwartet wird - es zu gestalten. Diese Zweideutigkeit von 'Leben nehmen' ist nun gleichsam Symbol aller Fragen und aller Antworten und aller Tragik, die sich um daS Suizidproblem ranken: Die Unentschiedenheit des Suizidenten zwischen den Polen des 'So-nicht-mehr-Weiterlebenkön ens' und der unbändigen Liebe zum Leben macht die ungeheure Spannung aus, in die jeder gestellt ist, der mit suizidalen Menschen zusammentrifft.

Prof. Dr. med. habil. Helmut F. Späte wurde 1936 in Gera geboren und studierte Medizin in Leningrad und Berlin. Nach der Facharztausbildung in Brandenburg-Görden und Habilitation war er bis 1984 Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses für Psychatrie und Neurologie in Bernburg. Bis 1993 dann Inhaber des Lehrstuhls für Psychatrie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und anschließend bis 2002 stellvertr. Ärztlicher Direktor des Kommunalen Psychiatrischen Krankenhauses Halle. Seitdem arbeitet er als freiberuflicher Gutachter.

I   Annäherung an das Thema: Suizidales Handeln und wir


An der jetzt nicht mehr sichtbaren Grenze zwischen Potsdam und Berlin befindet sich der „Selbstmörderfriedhof“ – einer der idyllischsten Friedhöfe Berlins. Friedhöfe haben für uns eine besondere Bedeutung:

Auf dem Stadtgottesacker in Halle an der Saale hat Klaus Otto während des Studiums Anatomie und Physiologie gebüffelt. Dort war man ungestört, nur selten verirrte sich jemand in das damals verfallene Denkmal Hallescher Stadtgeschichte.

In all den Jahren danach ist er an diesen stillen, denkwürdigen Ort zurückgekehrt, immer wenn er in seiner Heimatstadt umherschlenderte, eine kleine, fast rituelle Handlung.

In ähnlicher Bedrängnis, vor den drohenden Examen, ist Helmut Späte die langen, traurigen Birkenalleen des Piskarjowskoje Kladbischtsche im Norden Sankt Petersburgs (des damaligen Leningrad) entlang spaziert, in unmittelbarer Nähe des Studentenwohnheims im 20. Pavillon, am Ende der Straßenbahn Nr. 14.

Links und rechts säumten hölzerne oder gusseiserne Doppelkreuze der Ostkirche die sandigen Wege. Viele dieser Kreuze waren mit ovalen Fotografien der Verstorbenen versehen: Männer mit Bärten, verhärmte Frauengesichter oder blühende Mädchenantlitze mit großen, fragenden Augen.

Auf Reisen suchen wir auch heute immer noch die Friedhöfe auf, weil wir die Überzeugung haben, dass Friedhöfe das Spiegelbild dafür abgeben, wie die Menschen im Leben miteinander umgegangen sind.

Auf dem „Marxer“ in Wien gibt es prächtige Gräber für Beamte, aber kein Grab für Mozart, nur ein Denkmal, hundert Jahre nach seinem Tod errichtet.

In Basel ist eine Abteilung für Kindergräber eingerichtet, mit Gräbern, die wie gedeckte Geburtstagstische geschmückt sind.

In Lissabon heißt ein Friedhof „Platz der Freuden“, jeder jüdische Friedhof ist ein religiöser Ort.

Balzac nennt „Pére-Lachaise“ das mikroskopische Paris.

Genauso stellt sich der alte Anstaltsfriedhof in Gütersloh als Symbol der sozialen Verhältnisse zu Lebzeiten der Verstorbenen im Krankenhaus dar. Er ist ein selten eindrucksvolles Denkmal von Hierarchie auf Ewigkeit.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden im Grunewald an einer Stelle, an der häufig Wasserleichen in der Havel angetrieben wurden, heimlich Selbstmörder bestattet, weil sie nicht in geweihter Erde begraben werden durften. 1879 wurden diese unerlaubten Beerdigungen legalisiert. In Zuständigkeit der Forstverwaltung wurden die Menschen, die sich im Grunewald oder in der Havel suizidiert hatten, auf dem „Friedhof der Namenlosen“ bestattet.

Erst 1928 wurde diese Begräbnisstätte eingezäunt und als Friedhof gestaltet. Die genaue Lage wurde lange Zeit geheim gehalten. Er liegt versteckt mitten im Wald, ohne befestigte, hinführende Straße. Obwohl ich schon mehrfach dort war, verlaufe ich mich immer wieder. Manchmal tauchte beim Suchen im Wald unvermittelt der Förster auf, der dann den Weg kannte.

Die meisten Gräber sind anonym, größere Feldsteine nur mit Vornamen oder Initialen und einfache, schmucklose Holzkreuze kennzeichnen die Grabstellen. Ab und zu sind Ausdrücke wie„verunglückt“ oder„Opfer der Kälte“ als umschreibende Bezeichnung des Suizids zu finden, ein Friedhof, auf den nur selten Besucher kommen. Bestattungen finden dort schon lange nicht mehr statt. Ein besonderer Ort zur besonderen Besinnung und ein Denkmal für die Suizidenten.

Ein Ort auch, um darüber nachzudenken, weshalb wir uns nicht umbringen. Was hält den überwiegenden Teil der Bevölkerung davon ab, Suizid zu begehen, auch wenn die objektiven Lebensumstände so sind, dass das Leben ihnen nur noch wenig Hoffnung oder Liebenswertes zu bieten hat? Jeder kann ein subjektiv existentielles Problem so wahrnehmen, dass die Antwort nur der To