Die freien Tage waren futsch
Vor mir lagen zwei freie Tage. Ich nahm die letzten Stufen der Außentreppe mit einem Schritt.
Keine Frage, spätestens der Abschlussbericht muss auf eine bestimmte Version angelegt sein. Sonst hält die Unzufriedenheit Einzug, und der Kunde grübelt. Und zwar nicht über die Undurchsichtigkeit der Welt, sondern darüber, dass er den Falschen beauftragt hat. Menschen hassen alles, was mit Unsicherheit zusammenhängt: die Zukunft, das Wetter, die Börse. Und Berichte, für die sie teuer bezahlt haben und in denen steht: Es könnte so sein, es könnte aber auch anders gewesen sein. Der Mensch möchte an die Hand genommen werden, wie einst in der Kindheit. Es geht in unserer Branche also nicht um die Wahrheit, die ohnehin überschätzt wird, sondern um den Verkauf einer Dienstleistung, das hat mittlerweile jeder erkannt. Die Fakten müssen stimmen, das ja. Dafür ermitteln wir. Und dann müssen sie zum Sprechen gebracht werden.
Mein Büro im Hochparterre hatte ich hinter mich gebracht und quasi bereits vergessen, so war meine Stimmung, als ein Fenster klappte.
»Herr Singer, du sollst noch mal rauf zum Chef!«
Die Stimme gehörte Elfriede, der Sekretärin von Dr. Leo Seiler. Ich warf einen sehnsüchtigen Blick die belebte Ehrenbergstraße hinunter und seufzte.
Bei Seiler im zweiten Stock des baufälligen Hauses (Chefetage, bah) roch es nach Eukalyptus. Ein großer dünner Mann saß vor Seilers Schreibtisch, eine Hand in der ausgebeulten Tasche seines Cordjacketts vergraben, das auf diese Weise über dem Bauch sperrte, trotz der Magerkeit seines Trägers. Er raschelte mächtig mit der verborgenen Hand und zog einen grün eingewickelten Eukalyptusbonbon hervor, den er auswickelte und in den Mund steckte, ohne abzuwarten, bis Seiler mich vorstellte. Sein Unterkiefer bewegte sich dabei gerade soweit, dass der grüne Bonbon aus dem grünen Papier hindurch passte.
Als er damit fertig war und aufstand, streckte er mir die Hand an einem langen dünnen Arm entgegen. Ich hatte den Geruch in der Nase und eine plastische Vorstellung davon, dass der Eukalyptus einer der am schnellsten wachsenden Bäume auf dieser runden Erde ist. Aber ich hatte im gleichen Moment, tüddelüt noch mal, keine Ahnung, wo ich dieses Wissen aufgeschnappt hatte oder wozu es mir jemals dienen sollte.
»Freut mich«, sagte der dünne Mann. Das trieb mir eine weitere Wolke Eukalyptus-Aerosol entgegen.
Das Händeschütteln gab mir Gelegenheit, einen Blick auf die Uhr zu werfen, die mit einem schlichten schwarzen Lederarmband an seinem dünnen Handgelenk hing, bevor der Ärmel des Jacketts wieder darüber glitt. Es war eineUlysse Nardin, die Edition Astrolabium Galileo Galilei, ein teuflisches Wunderwerk, das nicht nur die gesetzliche und die Lokalzeit lieferte, sondern gleichfalls die Aspekte der Gestirne, Mondphasen und alle Arten von Finsternissen, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus. Ein Exemplar dieser Art von Chronometer war mir mal im Zusammenhang mit einem Versicherungsfall am Jungfernstieg unter die Augen gekommen. Sonst hätte ich mich nie für das Ding interessiert, denn mit meiner Arbeit war das Schaustück nicht zu kaufen.
Und da baumelten vierzig- bis fünfzigtausend Franken am Handgelenk des dünnen Mannes. Das brachte mich vom Eukalyptus in die Realität zurück.
Ich schaute über das Häuflein von grünem Bonbonpapier, das unser neuer Kunde produziert hatte, auf die andere Seite des Schreibtisches und registrierte, dass Dr. Leo Seiler sich das Rauchen verkniff. Er spielte gequält mit einem Bleistift. Die Spitze deutete momentan auf den zweiten Besuchersessel.
Ich schwang mich salopp hinein, ich hatte ja eigentlich frei. »Dies ist ein grobes Missverständnis«, sagte ich. »In diesem Land ist die Leibeigenschaft abgeschafft und die Freizeit heiliggesprochen. Und daran ändern auch kleine Klitschen ohne Betriebsrat nichts. Ich habe seit fünf Minuten Feierabend.«
Seiler verzog keine Miene. »Tut mir leid. Aber der Fall ist sehr delikat.«
Ich musste mich beherrschen. Ich mochte seine kulinarische Sprache nicht, und ich vermied einen direkten Blick in das fleischige Gesicht mit dem übertriebenen Mund. Seiler spitzte die Lippen, wo es um Frauen ging, und schü