Vorwort zur überarbeiteten Neuauflage
21. April 2016. Still Raining, Still Dreaming.
Wie viele Bands auf der Welthaben wohl an diesem 21. April 2016 „Purple Rain“ oder einen anderen Song von Prince gespielt, an den verschiedensten Orten, in großen Hallen oder in kleinen Clubs? Wahrscheinlich Tausende.
Am 22.April brachte Bruce Springsteen eine leidenschaftliche und authentische Version von „Purple Rain“. Pearl Jam taten es ihm wenig später nach. DannfolgteJimmyBuffett.Auf dem Coachella Music Festival am 23.April interpretierte der eigenwillige Folkmusiker Sufjan Stevens den Song auf seine ganz eigene Art. Ebenfalls auf diesem Festival, noch am gleichen Abend, fräste sich das TechnoProjekt LCD Soundsystem durch eine schmerzerfüllte, pulsierende Versionvon„Controversy“undschuf damiteineCoverVersion,diePrincevielleicht am ehesten wirklich gerecht wurde.
Es schien, als wollte sich jeder Musiker der Welt von ihm verabschieden.
Mich selbst erreichte die Nachricht von seinem Tod gegen halb zwei am frühen Nachmittag, als ich in Cambridge, Massachusetts, in einem Coffee Shop saß und schrieb. Es war mein 50. Geburtstag. Der Künstler, der so sehr wie kein anderer mein Leben beeinflusst hatte, war von uns gegangen. Schon lange hatte man Prince mit dem Ausdruck „lebende Legende“ bezeichnet – jetzt konnte man nur noch von „Legende“ sprechen.
Eine Legende. Aber was für eine.
Sein Tod und die weltweite Trauer, die er auslöste, unterstrichen nur noch einmal, welche enormen Leistungen Prince als Songwriter, als Liveund Studiomusiker und letztlich als KulturIkone vollbracht hatte. Ein derart einflussreicher und bedeutender Musiker ist vielleicht seit John Lennon nicht mehr für immer von der Rockbühne abgetreten.
Wie aber soll man bestimmen, in welcher Hinsicht Prince den größten Eindruck hinterließ? Waren es die Konzerte, bei denen er in 40 Karrierejahren immer wieder seine Fähigkeiten, seine Hingabe und seine Energie unter Beweis stellte, ohne jemals nachzulassen? Als Schöpfer des Albums und RockFilms Purple Rain, dessen Bedeutung in der RockGeschichte bis heute einzigartig ist? Als MultiInstrumentalist, der Gitarre, Synthesizer, Klavier, Schlagzeug und Bass gleichermaßen souverän beherrschte? Als Komponist unzähliger PopHits, die nicht nur dem Zahn der Zeit erfolgreich widerstanden haben, sondern längst selbst zeitlos geworden sind?
Fans und Musikfreunde haben darauf alle eine eigene Antwort. Und jede davon ist richtig.
Die Beatles setzten Maßstäbe, was den Einsatz von Melodien in Rock und Pop betraf. Jimi Hendrix nutzte die Gitarre auf eine unnachahmliche, bahnbrechende Weise. Aber ebenso groß war die Bedeutung von Prince, dessen Stilmix die Popmusik neu definierte. Er vermischte verschiedene Elemente – den Funk eines James Brown, die Synthesizer und Drumcomputer der New Wave, die Melodien des HitparadenPop, die Energie des Hard Rock und sogar die beklemmende Spannung des Punk. Und das auf eine bislang noch nie dagewesene Weise. Die ersten 90 Sekunden von „Controversy“ – vielleicht der erste definitive Ausdruck seiner Vision – reichten aus, um der Popmusik eine neue Richtung aufzuzeigen.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Einfluss dieses Sounds exponentiell. Es besteht kein Zweifel daran, dass Prince die Musik des ausgehenden 20. Jahrhunderts maßgeblich veränderte. Aber auch im 21. Jahrhundert stehen nicht nur einige wenige, sondern ein Großteil der zeitgenössischen Künstler in seiner Schuld.
Eine solche Entwicklung war wohl kaum vorhersagbar gewesen. Zum Vergleich: Michael Jackson hatte bereits Grundlagen geerbt, die viel eher erwarten ließen, dass eines Tages ein Star aus ihm würde. Die Beatles waren mit einem solchen Talent für Melodien gesegnet, dass auch ihre bedeutende Entwicklung gewissermaßen zwangsläufig erschien. Der Weg von Prince verlief anders und war weit weniger offensichtlich. Nichts war diesem schüchternen, schwarzen Jungen aus Minneapolis in die Wiege gelegt worden, diesem dürren motherfucker mit der hohen Stimme und der riesigen Afrofrisur. Er hatte Erfolg, weil sein bereits enorm großes Talent noch von seiner Arbeitsmoral und seiner unaufhaltsamen Energie übertroffen wurde.
Zwar ist es bisher niemandem gelungen, auf ähnliche Weise zum Superstar aufzusteigen, aber dennoch hat Prince eine Richtschnur vorgegeben, die scheinbar für jeden hätte funktionieren können. Man brauchte sich nur einen MehrspurRekorder zuzulegen, um damit die eigenen Ideen aufzunehmen, und eine Band zu gründen, in der männliche und weibliche, schwarze und weiße, homound heterosexuelle Musiker gleichermaßen vertreten waren. Jeden willkommen heißen – und alles zulassen.
Aber Prince lehrte uns auch noch etwas anderes: Wenn man Musik aufnimmt, dann kann man das ganz allein tun. Man sollte es sogar. Ganz und gar auf die eigene