1 Unordnung und Schöpfung
Der Versuch, das altägyptische Denken über die Schöpfung zu verstehen – ja, der Versuch überhaupt, die ägyptischen Mythen zu rekonstruieren –, erinnert an die Aufgabe, ein Puzzle zusammenzusetzen, von dem die meisten Stücke fehlen und jemand den Karton weggeworfen hat.
In der Vergangenheit sahen sich die Ägyptologen mit versprengten, vielfältigen und scheinbar widersprüchlichen Überbleibseln von Schöpfungsmythen aus verschiedenen Teilen des Landes konfrontiert. Darum teilten sie diese Mythenschnipsel nach denjenigen Kultzentren ein, von denen sie annahmen, dass sie jeweils die Quelle hervorgebracht (oder vereinheitlicht) hatten – einschlägige Forschungen sprachen von der „Memphitischen Theologie“ (aus der Stadt Memphis) oder der „Heliopolitanischen Theologie“ (aus Heliopolis). Manchmal wurde die Ansicht vertreten, dass diese Kultzentren mit ihren unterschiedlichen Interpretationen in „Wettbewerb“ standen, womit man unterstellte, dass Ägyptens Priester über ihre Kollegen in anderen Städten pikiert waren, weil einer davon dem Gott Amun in seiner Gestalt als „der Große Schnatterer“ den Vorrang gegenüber der göttlichen Kuh einräumte, die den Re hervorbrachte.
Vielleicht war das so. Aber wie die Dinge auch liegen mögen, in Wirklichkeit zeigen die verschiedenen Schöpfungsberichte bemerkenswert viel Verbindendes, de