Einleitung
Fragen Sie ein zehnjähriges Kind, was Sie tun sollen, wenn Sie sich erkältet haben, dann wird es Ihnen sofort empfehlen, sich ins Bett zu legen und Hühnersuppe zu essen. Fragen Sie weiter, was Sie bei einem aufgeschlagenen Knie unternehmen sollen, rät Ihnen das Kind, die Wunde zu säubern (oder eine antibakterielle Salbe aufzutragen) und zu verbinden. Kinder wissen auch, dass man bei einem Beinbruch einen Gips braucht, damit der Knochen wieder richtig zusammenwächst. Würden Sie sich erkundigen, warum diese Schritte notwendig sind, bekämen Sie zu hören, dass die Behandlung zur Heilung der Verletzungen beiträgt oder verhindert, dass die Krankheit schlimmer wird. Aus einer Erkältung könnte nämlich eine Lungenentzündung werden, eine Wunde könnte sich entzünden, und wenn ein Knochenbruch falsch zusammenwachse, könnten Sie nicht mehr richtig laufen, wenn der Gips wieder abgenommen wird. Wir bringen unseren Kindern schon sehr früh bei, wie sie für ihren Körper sorgen können, und normalerweise lernen sie diese Lektionen auch sehr gut.
Aber fragen Sie einen Erwachsenen, was Sie tun sollen, um den scharfen Schmerz einer Zurückweisung, den bedrückenden Schmerz der Einsamkeit oder die bittere Enttäuschung über einen Misserfolg zu mildern, und der Gefragte wüsste nur wenig darüber zu sagen, wie man diese gängigen seelischen Verletzungen behandeln kann. Fragen Sie weiter, was Sie tun sollen, um ein geschwächtes Selbstwertgefühl wieder zu stärken oder sich von Verlust und Trauma zu erholen, und Ihr Gesprächspartner wäre gleichermaßen hilflos. Fragen Sie, wie Sie mit zwanghaftem Grübeln oder nagenden Schuldgefühlen umgehen sollen, und Sie ernten wahrscheinlich betretene Blicke, verlegenes Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten und den hastigen Versuch, das Thema zu wechseln.
Mancher erklärt Ihnen vielleicht im Brustton der Überzeugung, das Hilfreichste sei, mit Freunden oder Angehörigen über diese Gefühle zu sprechen, weil doch wohl niemand, der professionellen Beistand bei seelischen Nöten anbietet, ernsthaft etwas dagegen einwenden könnte, über Gefühle zu sprechen. Doch während es in manchen Situationen eine Erleichterung sein kann, über seine Gefühle zu reden, kann es in anderen ausgesprochen schädlich sein. Weist man auf diese Gefahren hin, erntet man wieder betretene Blicke, erneutes Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten und einen weiteren klar erkennbaren Versuch, das Thema zu wechseln.
Dass wir wenig bis gar nichts zielgerichtet unternehmen, um die seelischen Verletzungen zu behandeln, die wir im Alltag erleiden, liegt ganz einfach daran, dass wir kein Handwerkszeug für den Umgang mit ihnen haben. Natürlich könnten wir in solchen Situationen den Beistand eines Therapeuten suchen, aber der ist oft weder leicht zu haben noch überhaupt nötig, denn die meisten seelischen Verletzungen, die wir im Leben erleiden, sind nicht so schwer, dass sie gleich professionelle Hilfe erfordern. Ebenso, wie wir nicht beim ersten Anzeichen von Husten oder Schnupfen gleich ein Zelt im Vorgarten unseres Hausarztes aufschlagen würden, können wir nicht jedes Mal zu einem Therapeuten laufen, wenn wir von einem oder einer Auserkorenen zurückgewiesen werden oder wenn unser Chef uns anbrüllt.
Doch während es in jedem Haushalt ein Medizinschränkchen mit Verbandszeug, Salben und Schmerzmitteln für die Grundversorgungkörperlicher Alltagsverletzungen gibt, haben wir keine solche Hausapotheke für die kleinerenseelischen Verletzungen parat, die wir uns im täglichen Leben holen. Dabei sind sie genauso häufig wie körperliche Verletzungen. Alle in diesem Buch besprochenen seelischen Wunden sind sehr alltäglich, und jede einzelne ist emotional schmerzhaft und kann uns psychischen Schaden zufügen. Dennoch hatten wir bislang keine allgemein gebräuchlichen Verfahren, um die dabei entstehenden Schmerzen, Nöte und Kümmernisse zu lindern, obwohl wir doch regelmäßig solche Verletzungen erfahren.
Eine Erste Hilfe bei solchen Wunden kann in vielen Fällen verhindern, dass solche Verletzungen unsere seelische Gesundheit und unser Wohlbefinden auf lange Sicht beeinträchtigen. Viele diagnostizierbare psychische Krankheiten, die von einem Facharzt behandelt werden müssen, ließen sich vermeiden, wenn wir unsere seelischen Wunden mit Erster Hilfe versorgen könnten, sobald wir sie erleiden. So kann etwa eine Neigung zum Grübeln schnell zu Angst und Depression führen, und Erfahrungen des Misserfolgs und der Zurückweisung untergraben leicht unser Selbstwertgefühl. Behandeln wir aber solche Verletzungen, beschleunigen wir nicht nur ihre Heilung, sondern tragen auch dazu bei, die Entwicklung von Komplikationen zu verhindern oder – falls doch welche eintreten – ihren Verlauf zu mildern.
Wenn die seelische Verletzung schwerwiegend ist, sollten emotionale Erste-Hilfe-Maßnahmen natürlich nicht den Gang zum Psychiater, Psychologen oder Therapeuten ersetzen, so wenig, wie eine gut ausgestattete Hausapotheke Ärzte und Krankenhäuser überflüssig macht. Aber während wir bei der körperlichen Gesundheit unsere Grenzen erkennen, gilt das oft nicht für unsere seelische Gesundheit. Die meisten erkennen, wann eine Schnittwunde so tief oder groß ist, dass sie genäht werden muss; wir können im Allgemeinen zwischen einer geschwollenen Prellung und einem Knochenbruch unterscheiden, und wir wissen auch, wann wir so dehydriert sind, dass wir eine Infusion oder Plasma brauchen. Aber wenn es um seelische Verletzungen geht, fehlt uns nicht nur das Wissen darüber, was wir dagegen unternehmen können, sondern wir sind noch nicht einmal imstande festzustellen, wann sie professionelle Hilfe erfordern. Die Folge ist, dass wir unsere seelischen Wunden oft la