: Christine Rost
: EMDR zwischen Struktur und Kreativität Bewährte Abläufe und neue Entwicklungen
: Junfermann Verlag
: 9783955714574
: 1
: CHF 47.00
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 432
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF/ePUB
Mit diesem Buch schlagen die Autorinnen und Autoren einen Bogen zwischen bewährten EMDR-Techniken und neuen Entwicklungen - und sie wollen Lust wecken, die Ansätze in die eigene Behandlungsmethode zu integrieren Seit den 1990er-Jahren haben sich die Einsatzfelder für EMDR stark erweitert. Inzwischen werden u.a. auch Phobien, Depressionen und psychosomatische Erkrankungen mit der Methode behandelt. Wie bei einem Trauma kann es nämlich auch hier dysfunktional gespeicherte Erlebnisse geben. Doch neue Einsatzmöglichkeiten erfordern auch Veränderungen des EMDR-Ablaufschemas. Deshalb enthält dieser Band neben Beschreibungen lang erprobter EMDR-Techniken auch Beispiele für neue Vorgehensweisen. Mit Beiträgen von: Lucien Burkhardt, Raimund Dörr, Esther Ebner, Franz Ebner, Dagmar Eckers, Tanos Freiha, Heike Gerhardt, Arne Hofmann, Michael Hase, Helge Höllmer, Hanne Hummel, Dorothee Lansch, Maria Lehnung, Eva Münker-Kramer, Gisela Roth

Dr. med. Christine Rost, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin. EMDR-Trainerin am EMDR-Institut Deutschland, Traumatherapeutin und Ausbilderin der DeGPT, Mitbegründerin des Zentrums für Psychotraumatologie Frankfurt, niedergelassen als Psychotherapeutin in eigener Praxis

1. Die Entstehung von EMDR


Christine Rost

Die Grundstruktur von EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) wurde von Francine Shapiro zwischen 1987 und 1989 entwickelt. Die Entdeckung des Phänomens beruhte auf ihrer Beobachtung, dass die Belastung von traumatischen Erinnerungen reduziert wird, wenn sich gleichzeitig die Augen schnell hin und her bewegen. Sie untersuchte diese Beobachtung zuerst an Kollegen und anschließend mit Klienten. Dabei bestätigte sich der Effekt der Desensibilisierung und Shapiro nannte die Methode anfangs EMD (Eye Movement Desensitization). Über die Erfahrung mit EMD-Behandlungen wurde aber bald deutlich, dass es nicht nur zu einer Auflösung der negativen Affekte kommt (Desensibilisierung), sondern gleichzeitig während des Durcharbeitens eine assoziative Entwicklung und damit eine kognitive Umstrukturierung stattfinden (Reprozessieren). Deshalb kam das R (Reprocessing) in den Namen: EMDR.

Aus diesen Erfahrungen entwickelte Shapiro schließlich eine manualisierte Methode mit acht Phasen (1995, 2001). Darin wird sowohl die Therapie, d. h. die Behandlungsplanung, als auch die Traumakonfrontation strukturiert. EMDR setzt auf drei Ebenen an: bei der auslösenden Erinnerung in der Vergangenheit, auf der Ebene der Symptome in der Gegenwart und bei den Befürchtungen bzw. dem Vermeidungsverhalten in Bezug auf die Zukunft. Die EMDR-Methode besteht also nicht nur aus den EMDR-Sitzungen (EMDR-Ablaufschema), sondern hilft, die gesamte Behandlung zu gestalten.

1.1 Forschung zu den Wirkmechanismen von EMDR


Obwohl es seit vielen Jahren Forschung zu den Wirkmechanismen von EMDR gibt, verstehen wir noch immer nicht genau, wie es wirkt. Aber erste Aussagen sind möglich. So scheinen die Augenbewegungen den Parasympathikus zu aktivieren, obwohl bei der Fokussierung auf die belastende Situation eigentlich eine Stressreaktion ausgelöst wird und damit der Sympathikus aktiviert werden müsste. Doch trotz der Konfrontation mit dem traumatischen Erleben kommt es zu einer Entspannung und die Herzfrequenz sinkt langsam ab (Sack et al. 2008).

DieAktivierung des Parasympathikus ist noch aus einem anderen Grund wichtig. Wir sind kreativer in einem Zustand der Entspannung. Wenn wir aber eine Klientin mit einem erlebten traumatischen Ereignis konfrontieren, besteht die Gefahr, dass die Betroffene mit Übererregung reagiert und anschließend in eine Untererregung rutscht. Bei Über- und Untererregung ist aber die Lernfähigkeit blockiert (Ogden& Minton 2000). Deshalb ist es so wichtig, die Klientinnen bei der Traumakonfrontation in einem mittleren Erregungsfenster zu halten, dem sogenannten „Window of Tolerance“. Kreative Lösungen und neues Lernen finden eher auf diesem mittleren Erregungsniveau statt.

Zwei weitere Erklärungen sind:

  1. Die Augenbewegungen des EMDR könnten einenOrientierungsreflex auslösen und so direkt zu einem De-Arousal und einer Desensibilisierung führen (Barrowcliff et al 2003, 2004, Armstrong& Vaughan 1994, Lipke 1992).
  2. Die bilaterale Stimulation führe zu einemState des „mindful observing“ (Servan Schreiber 2002). Genau dies wollen wir im EMDR erreichen: Eine Beobachterrolle soll eingenommen werden und es soll nicht zu einem Wiedererleben kommen. Aus der Sicht von hier und heute sollen die Klienten an das belastende Ereignis denken und dann wahrnehmen, was unter der bilateralen Stimulation geschieht, also beobachten. Diesen Aspekt vermitteln wir in der Aufklärung über EMDR z. B. mit der Metapher des Zugfahrens: Wir sitzen im Zug und die Landschaft zieht vorbei. In einer Untersuchung von Lee (2006) zeigte es sich, dass die schnellsten Veränderungen im EMDR bei einem „distanzierten Reprozessieren“ beobachtet werden konnten; unter einem assoziativen oder nacherlebenden Reprozessieren erfolgten die Veränderungen langsamer.

Weitere Überlegungen sind:

Die schnellen Augenbewegungen erinnerten Shapiro an den Traumschlaf (REM-Schlaf), der eine Rolle bei der Verarbeitung von neuen Informationen spielt. Und dieser REM-Schlaf ist bekannterweise bei der Posttraumatischen Belastungsstörung häufig gestört. Aber nicht nur die schnellen Augenbewegungen, sondern auch abwechselnde Berührungen oder alternierende Töne können das Reprozessieren in Gang setzen. Und bisher gibt es keine Studien, die einen Zusammenhang zwischen den Augenbewegungen beim Träumen und denen beim EMDR nachweisen.

Eine weitere Hypothese beschäftigt sich mit dem Konzept des Arbeitsgedächtnisses (Working Memory Model). Dieses wird als Netzwerk im Gehirn verstanden, was ein gewisses Maß an verbalen und visuellen Informationen erinnern kann. Bei gleichzeitiger Ablenkung, z. B. durch Zählen, Augenbewegungen oder Computerspiele (Tetris), verringert sich die Intensität des Erinnerungsbildes, wahrscheinlich weil die Erinnerung und die Ablenkung in der Repräsentanz im Arbeitsspeicher miteinander konkurrieren. Diese Hypothese würde aber nur den Aspekt der Desensibilisierung erklären, dem Nachlassen in der Intensität und Lebendigkeit von Erinnerung und Affekt. Nicht erklären würde sie den Aspekt des Reprozessierens, bei dem es zu neuen Erkenntnissen, anderen Erinnerungen und lösungsorientierten Vorstellungen kommen kann.

InKapitel 2 setzt sich Franz Ebner mit dem neurowissenschaftlichen Erklärungsmodell von Panksepp zur Informationsverarbeitung und dessen Überschneidung mit dem AIP-Modell auseinander und diskutiert die daraus entstehenden Implikationen für EMDR.

1.2 Das Modell der adaptiven Informationsverarbeitung (AIP – Adaptive Information Processing)


Shapiro versteht die Entwicklung von Traumafolgestörungen als Folge einer dysfunktionell gespeicherten, fragmentierten traumatischen Erinnerung, die „eingefroren“ wird in dem Zustand, in dem sie zum Zeitpunkt des Geschehens aufgenommen wurde. Sie tritt nicht in die normalen Veränderungsprozesse ein, die sonst entstehen, wenn das Gehirn neue Information aufnimmt. Normalerweise haben wir ein Gefühl für die Zeit, die seit dem Stattfinden eines Ereignisses vergangen ist, und das Gehirn sortiert aus, was für uns emotional wichtig ist und was nicht. Auch können Details verloren gehen und die Erinnerung kann mit der Zeit blasser werden. Entsteht eine Traumafolgestörung, scheint dieser Prozess nicht stattzufinden.

Bevor die Forschung in Bezug auf die Wirkfaktoren von EMDR begann, postulierte Shapiro, dass es im Gehirn ein System geben müsse, das neue Informationen aufnehmen und selbstständig verarbeiten könne. Sie nannte dieses „Adaptive Information Processing Model“ (AIP). Durch ein lösungsorientiertes Verarbeitungssystem könnten neue Informationen im Gehirn integriert werden, ohne dass dies bewusst erfolgt. Der Prozess der „adaptiven Informationsverarbeitung“ kann einige Zeit dauern. Träumen (REM-Schlaf) scheint dabei auch eine Rolle zu spielen. So ist inzwischen bekannt, dass Menschen deutlich weniger neue Informationen erinnern, wenn sie in der Nacht nach der Informationsaufnahme nicht ausreichend lange schlafen. Die schnellen bilateralen Stimulationen (BLS), wie Augenbewegungen, Berührungen und Töne, scheinen dieses System zu aktivieren und damit die Verarbeitung auch von traumatischen Erinnerungsfragmenten anzuregen.

Mit unserem heutigen Wissenstand über die Verarbeitung von neuen Informationen kann man vereinfachend sagen, dass fast alle Informationen über die Umwelt durch Eindrücke aus den Sinnesorganen über den Thalamus zum Neokortex gelangen. Der Thalamus hat sozusagen eine Filter- und Verteilerfunktion. Er delegiert durch neuronale Erregungsschleifen die Weiterleitung der Informationsverarbeitung an andere Hirnnetzwerke. Damit scheint er eine integrative Funktion zu haben und sinnvoll verknüpfte Erinnerungen, die das Leben und Überleben erleichtern, zu initiieren. Im Hochstress, z. B. in potenziell traumatischen Situationen, ist diese Funktion aber überlastet und es kommt zu „Erinnerungssplittern“ (Defragmentation). Shapiro bezeichnete diese Form der Speicherung als dysfunktionell. Im Nachhinein (z. B. im REM-Schlaf) können diese Splitter noch „zusammengepuzzelt“ und somit integriert werden. Dies bezeichnen wir normalerweise als Verarbeitung im Gehirn und betonen im EMDR, dass es sich dabei um „Selbstheilungskräfte“ des Gehirns handelt.

Bis zu zwei Drittel aller Menschen verarbeiten nach einem potenziell traumatischen Ereignis das Erlebte selbstständig – immer auch abhängig von der Art des Ereignisses. Dieser Prozess kann bis zu sechs Monate dauern (Rothbaum 1992, siehe auchKapitel 11). Bei einem Teil der Betroffenen scheint das AIP aber für dieses Ereignis blockiert zu bleiben. Die Verarbeitung funktioniert dann nicht mehr ohne Unterstützung. Ohne eine spezifische Psychotraumatherapie kommt es nicht mehr zu einer vollständigen Integration der dysfunktionellen Erinnerung. Wenn wir dafür EMDR einsetzen, dann betonen wir in der Aufklärung der Klienten, dass wir mit dieser Methode versuchen, Selbstheilungskräfte im Gehirn zu aktivieren (das AIP). Wenn dies gelingt, kann die Verarbeitung durch das Gehirn selbst gesteuert werden. Deshalb fordern wir die Klienten während des EMDR Prozesses auch auf, nur zu beobachten, was innerlich spontan abläuft, ohne zu versuchen, Einfluss zu nehmen.

1.3 Dysfunktionell gespeicherte Erinnerungen


Wenn eine traumatische Erfahrung nicht verarbeitet wird, dann sind die Erinnerungsfragmente nicht genügend in Gehirnnetzwerke (vor allem über den Thalamus s. o.) integriert und können zu unkontrollierten und unangenehmen Erregungszuständen im Gehirn und im Körper führen, z. B. in der Form von Flashbacks. Dies können wir durch MRT-Untersuchungen...

Cover1
Inhalt6
Vorwort12
1. Die Entstehung von EMDR16
1.1 Forschung zu den Wirkmechanismen von EMDR16
1.2 Das Modell der adaptiven Informationsverarbeitung (AIP – Adaptive Information Processing)18
1.3 Dysfunktionell gespeicherte Erinnerungen19
1.4 Veränderte Speicherung nach Traumakonfrontation mit EMDR20
1.5 Das EMDR-Ablaufschema20
1.6 Die Struktur der EMDR-Methode21
1.7 Kreativität im EMDR-Prozess22
1.8 Veränderungen im EMDR-Ablaufschema und neue Techniken23
2. Affekte in Gehirn und Körper und in der EMDR-Praxis26
2.1 Begriffsklärung und ein neurowissenschaftliches Erklärungsmodell27
2.2 Grundsätzliche Überlegungen zu den emotionalen Aktionssystemen und zum EMDR-Prozess31
2.3 Das System SUCHEN32
2.4 Das Defensivsystem FURCHT und WUT37
2.5 Das Bindungssystem mit den emotionalen Aktionssystemen LUST / SEXUALITÄT, FÜRSORGE und PANIK / TRAUER41
2.6 Das System SPIELEN50
Teil I: Die EMDR-Methode und ihre Struktur62
3. Die acht Phasen der EMDR-Methode63
3.1 Ein kurzer historischer Abriss63
3.2 Phase 1: Am Beginn der EMDR-Behandlung64
3.3 Phase 2: Vorbereitung und Stabilisierung66
3.4 Phase 3: Beobachtung und Wertung70
3.5 Phase 4: Das Prozessieren76
3.6 Phase 5: Verankern der positiven Kognition83
3.7 Phase 6: Der Körpertest84
3.8 Phase 7: Der Abschluss84
3.9 Phase 8: Die Nachbefragung87
4. Die drei Stränge im EMDR-Standardprotokoll (Christine Rost)89
4.1 Einführung89
4.2 Die drei Stränge des EMDR-Standardprotokolls90
4.3 Schlussfolgerung95
5. Das umgedrehte Standardprotokoll (Christine Rost)97
5.1 Warum in umgekehrter Reihenfolge arbeiten?97
5.2 Vier Tests97
5.3 Beginn: Arbeit an zukünftigen Belastungen99
5.4 Arbeit an Triggern in der Gegenwart99
5.5 Arbeit an Traumata aus der Vergangenheit99
6. Behandlungsplanung zwischen Struktur und Kreativität (Raimund Dörr und Hanne Hummel)101
6.1 Einführung101
6.2 Allgemeine Vorgehensschritte in der Behandlungsplanung106
6.3 Spezielle Verläufe beim Reprozessieren124
7. Bewährte Techniken im EMDR (Eva Münker-Kramer und Christine Rost)130
7.1 Position of Power130
7.2 Die Absorptionstechnik132
7.3 CIPOS134
7.4 Einweben136
7.5 Affektbrücke139
7.6 Affektscan140
8. Stabilisierung in der Phase 2 (Christine Rost)143
8.1 Aufbau positiver Affekttoleranz durch die Lobe-Übung143
8.2 Vier-Elemente-Technik nach Elan Shapiro145
8.3 Die Lichtstrom-Übung147
9. Gezielte individuelle Ressourcenaktivierung auf allen Repräsentationsebenen (Eva Münker-Kramer)149
9.1 Die Erfassung von Belastungen und von Ressourcen im Überblick150
9.2 Erfassung von reinen Ressourcen im Zuge der Anamnese152
9.3 Die Anwendung der individuellen gezielten Ressourcenaktivierung in der Stabilisierungsphase und ihre Wirkung für die Traumakonfrontation mit EMDR158
10. Stabilisierung in der Phase 3 (Christine Rost)165
10.1 Am Beginn von Phase 3: Stabilisierung durch Einsatz des Sicheren Ortes165
10.2 Am Beginn von Phase 3: Stabilisierung durch Einsatz der Position of Power166
10.3 In der Mitte von Phase 3: Stabilisierung durch Einsatz der Position of Power167
10.4 Gegen Ende von Phase 3: Stabilisierung durch CIPOS168
10.5 Am Ende von Phase 3: Stabilisierung über die Körperressource168
Teil II: Einsatz von EMDR bei bestimmten Symptomatiken und Patientengruppen170
11. EMDR – nach kurz zurückliegenden Traumatisierungen: EEI – Early EMDR Intervention (Christine Rost und Eva Münker-Kramer)171
11.1 Einführung171
11.2 Traumatypen, Selbstheilung, Risiken und Resilienz174
11.3 Indikationen für therapeutische Interventionen179
11.4 Behandlung von Akuttrauma, Resilienzförderung und „posttraumatic growth“196
12. EMDR in der Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen (Maria Lehnung)202
12.1 Psychosomatische Leiden als Traumafolgestörung202
12.2 Psychosomatische Störungen als Folge dysfunktional verarbeiteter Erinnerungen203
12.3 Psychosomatische Symptome im Fokus208
12.4 Arbeit am Symptom ganz anders – ein auslösendes Ereignis und zukünftige Befürchtungen209
12.5 Psychosomatische Symptome als Symbole unverstandener Sinnzusammenhänge210
EMDR bei depressiven Erkrankungen (Maria Lehnung, Arne Hofmann und Michael Hase)212
13.1 Depression als Traumafolgestörung212
13.2 Depression als Folge von Mobbing- und Verlusterlebnissen – die Arbeit mit Episodenauslösern213
13.3 Die Behandlung schwerer depressiver Erkrankungen mit dem EMDR-Protokoll DEPREND215
13.4 Die Arbeit mit depressiven States217
13.5 Die Bearbeitung negativer217