Transatlantische Fingerübung
Vera Rosenbusch
Heiligabendmorgen. Mutti öffnet das letzte Türchen ihres Adventskalenders. Sie zupft an einem Kunststoffbeutel. Seltsam ... Zwischen ihren Fingerspitzen eine dicke Plastikkante. Zugeschweißt. Länglich, hell und fleischig ... Ein Seehundbaby? Kann das sein? Sie dreht den Beutel. Was sind das für Flecken? Bräunlich, schorfig, krümelig ... rot ... Blut! Ein abgeschnittener Finger, eingeschweißt in Plastik!
Sie taumelt, muss sich am Regal festhalten. Wer tut sowas? Sie schleppt sich zum Sofa. Weshalb im Adventskalender? Warum eingeschweißt? Sie lässt sich in die Kissen sinken. Und weshalb in ihrer Wohnung? Oder war er schon drin, als sie das Ding gekauft hat? Wo ist der Kassenbon? Oh Gott, Sybille! Ihre Tochter hat den gleichen. Wenn ich mir vorstelle, die arme Sybille findet so ein Ding oder eins von den Kindern. Ein Trauma fürs Leben.
Jetzt erst merkt sie, dass sie noch immer auf den rot lackierten Nagel starrt. Sie erschrickt: Ist das nichtFemme Fatale No. 403?
Es begann mit einem Anruf aus Amerika.
»Dieses Jahr bleiben wir unter uns«, sagt Sybille. »Die Kleine hat die Masern, und Bob braucht Ruhe nach dem Herzanfall. Deshalb feiern wir mal nur zu viert. Das verstehst du doch.«
Mutti versteht: Sie will mich nicht. Seit 15 Jahren verbringe ich jedes Weihnachten bei meiner Lieblingstochter in Boston. Mache mich auf den weiten Weg, nehme die beschwerliche Reise auf mich. Und nun soll ich allein mit Rösele in Hamburg hocken, und KB hängt wieder nur an den Lippen seiner plauderwütigen Tante, die ohne Erbarmen drauflos schwadroniert. Ich sitze daneben und denke, jetzt zünden sie drüben die Kerzen an, jetzt kommt der Truthahn auf den Tisch ... Warum tut sie mir das an?
Aber nicht mit ihr! Mutti schnappt sich die Monatskarte, rennt zur U-Bahn und tigert rachedurstig durch die Kaufhäuser der Innenstadt.
Sie wird sie beschämen. Sie wird Sybille etwas schenken, dass sie an sie denken soll. Es klingelt an der Haustür, stellt sie sich vor, Sybille nimmt das Paket entgegen, reißt es auf, schaut hinein, begreift. Und schon kommen ihr die Tränen ...
In der Süßwarenabteilung stoppt sie. Auf breiten Tischen stapeln sich Adventskalender mit Schokoladenfüllung, groß und gewichtig wie Folianten. Üppig! Würdig! Königlich! Mit dem Handrücken streicht sie über die Kartons. Das isses! Andere Geschenke sind rasch ausgepackt. Mit einem Adventskalender ruft man sich 24 Türchen lang in süße Erinnerung.
Gleich für alle Enkelkinder in Amerika.
Der Kasten mit den goldenen Ranken hat es ihr besonders angetan. Purpur! Samt! Zinnober! Was für ein Rot! Genau das Richtige für Sybille. Dieses Rot ist anders als die aggressive Billigware auf dem Nebentisch. Eine Nuance nur, aber gerade darauf kommt es an. Kauf mich, ruft die Packung. Aber sie ruft, sie brüllt nicht.
Manche Motive sind süßlich: das alte Haus im Schnee, der Nostalgie-Weihnachtsmarkt, der dicke Nikolaus im Schaukelstuhl. Süßlich vielleicht, doch nicht überzuckert. Die kleine Isabell glaubt zwar ebenso wenig an Santa Claus wie die Erwachsenen, aber sie liebt die gemütliche Opafigur. Der nachtblaue Nugatkarton mit den filigranen Ornamenten passt zu Jonathan, denn der mag kein Marzipan. Tag für Tag öffnen sie ein Türchen und fragen:Kommt Omi bald?
In Boston ist alles Oberfläche. Amerikaner haben kein Verständnis für das feine ästhetische Plus, das den Großstadtmenschen davor bewahrt, im Lärm der Masse unterzugehen.
Dies ist nicht Masse, sondern Vielfalt: Hinter jedem Türchen eine andere Süßigkeit. Welche, kann Mutti naturgemäß nicht sehen, aber schließlich ist es jedes Jahr das gleiche. Und es ist das gleiche wie in den Verkaufsaufstellern nebenan: rote Herzen in Zartbitterschokolade, kleine Marzipanbrote mit Ananas- und Orangengeschmack, Pasteten mit Krokant und Karamell, Teddys aus Marzipan, luftdicht eingeschweißt in P