Als der Mann die Eingangshalle des Polizeipräsidiums Düsseldorf betrat, richteten sich sofort die Blicke der Anwesenden auf ihn. Gespräche verstummten, irgendwo wurde ein unterdrückter Schrei ausgestoßen. Männer und Frauen erstarrten, als hätten sie das Haupt der Medusa erblickt.
Auch Oberkommissar Max Bischoff, der gerade ein paar Worte mit dem Portier gewechselt hatte, starrte die große, schlanke Gestalt an, die bis zur Mitte der Halle schlurfte und dort stehen blieb. Reglos, stumm. Den Kopf gesenkt, den Blick auf einen Punkt vor seinen nackten Füßen gerichtet. Die Arme hingen schlaff neben seinem Körper herab wie Fremdkörper, die man ihm provisorisch angeheftet hatte. Das Hemd steckte nur noch halb in der Hose.
Doch das wirklich Bizarre war nicht die Art, wie der Mann das Präsidium betreten hatte. Auch nicht die Tatsache, dass er barfuß war. Was Max ebenso wie die anderen Menschen im Eingangsbereich erstarren ließ, war das Blut, mit dem seine Kleidung durchtränkt und seine dunklen Haare verklebt waren. Auch Gesicht und Hände waren überzogen mit Schlieren und Spritzern.
Max brauchte einen Moment, bis er auf diese grausige Situation reagieren konnte. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich dem Mann, der keinerlei Notiz von ihm nahm. Als er bis auf zwei Meter an ihn herangekommen war, blieb er stehen.
Der süßliche Geruch getrockneten Blutes legte sich schwer auf seine Atemwege. Max versuchte, ihn zu ignorieren und sich auf die Situation zu konzentrieren.
Er konnte keine sichtbaren Wunden an dem Mann entdecken. Seine Haltung und sein ganzer Zustand ließen nicht auf einen allzu großen Blutverlust schließen, doch darauf durfte Max sich nicht verlassen. Ebenso wenig wie darauf, dass sein Gegenüber unbewaffnet war.
»Kann ich Ihnen helfen?«, sprach er den Mann mit ruhiger Stimme an. »Sind Sie verletzt?«
Langsam hob der Mann den Kopf, wandte ihm das blutverschmierte Gesicht zu. Als ihre Blicke sich trafen, hatte Max das deutliche Gefühl, dieses verkrustete Gesicht irgendwoher zu kennen.
»Ich weiß nicht, was geschehen ist.« Die Stimme klang fest, aber auf eine seltsame Weise emotionslos.
»Haben Sie Schmerzen, sind Sie verletzt?«, versuchte Max es erneut.
Der Blick des anderen Mannes richtete sich an Max vorbei auf einen Punkt hinter ihm.
»Nein, ich glaube nicht.«
»Woher kommt dann das viele Blut?«
Der Mann sah Max wieder an, und obwohl ein stumpfer Schleier über ihnen zu liegen schien, stachen seine wasserblauen Augen aus dem dunkel verschmierten Gesicht ungewöhnlich hell heraus.
»Ich weiß es nicht.«
»Ich werde Hilfe holen. Einen Arzt, in Ordnung?«
Max wartete die Antwort nicht ab, sondern wandte sich zu dem Portier um, der mittlerweile seinen Raum verlassen hatte und vor der Sicherheitsschleuse stand. »Rufen Sie einen Notarzt. Und geben Sie oben Bescheid. Hauptkommissar Böhmer.«
Durch die Glaswand, die einen Teil der Abtrennung zum Eingangsbereich bildete, sah Max zwei junge Kollegen in Uniform. Sie standen mit versteinerten Gesichtern da und starrten zu ihm herüber. Mit einem knappen Kopfnicken deutete er ihnen an, den inneren Bereich zu verlassen und zu ihm zu kommen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Mann zu, dessen Blick erneut auf den Boden gerichtet war.
»Bitte, denken Sie nach. Woher stammt das Blut auf Ihrer Kleidung? Und in Ihrem Gesicht und an den Händen? Hatten Sie vielleicht einen Unfall?«
»Ich weiß es nicht. Nein … ich glaube nicht.«
»Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«
»Harry Passeck.«
Als er den Namen hörte, wusste Max, warum ihm das Gesicht bekannt vorgekommen war. Passeck war ein recht bekannter Journalist. Sein Foto tauchte immer mal wieder in der Presse auf, wenn er einen politischen oder wirtschaftlichen Skandal aufgedeckt hatte.
Die beiden Kollegen hatten sich zwischenzeitlich links von Max postiert. Nachdem er einen kurzen Blick mit ihnen gewechselt hatte, machte er einen weiteren Schritt auf den Mann zu. Er legte ihm die Hand auf den Oberarm, an eine Stelle, die halbwegs frei von Blut war. Passeck zuckte weder zusammen noch zeigte er überhaupt irgendeine Reaktion.
»Tragen Sie eine Waffe bei sich?«
»Nein.«
»Meine Kollegen werden sich trotz