: Hartmut Kennhöfer
: Dennoch haben wir gelacht Kindheit und Jugend 1933 bis 1955
: Kadera-Verlag
: 9783944459301
: 1
: CHF 3.50
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: Gemischte Anthologien
: German
: 240
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es war einmal..., so beginnen viele Märchen. Die Erinnerungswerkstatt Norderstedt bietet ihren Leserinnen und Lesern jedoch keine Märchen, Sagen, Fabeln oder andere Fantasieprojekte an. Wir erzählen wahre Geschichten, Selbsterlebtes und nichts aus zweiter Hand. Schlussfolgerungen und Wertungen überlassen wir den Leserinnen und Lesern. Schon gar nicht heben wir den moralischen Zeigefinger. Es sind Geschichten, die das Leben selber schrieb. Und nein, sie waren nicht wirklich zum Lachen - aber sie wurden überstanden und haben uns nicht den Humor und nicht die Lust am Leben genommen. Wir - die Erinnerungswerkstatt Norderstedt - sind kein Verein, sondern eine freie und offene Gruppe von aktiven und interessierten Autorinnen und Autoren aus Norderstedt und Umgebung, die sich im November 2004 zusammengefunden hat, um auf freiwilliger und privater Basis Erlebtes in Erinnerung zu rufen, aufzuschreiben und zu diskutieren. Wir wollen den nachfolgenden Generationen erzählen, was wir erlebt, gedacht und empfunden haben, als es z.B. noch keinen Fernseher, keine Handys und keine Computer gab. Denn selbsterlebte Geschichten sind ein Schatz, den es zu heben lohnt, für sich selbst, für die eigene und für nachfolgende Generationen. Solche Geschichten ermöglichen das gemeinsame Schwelgen in schönen Erinnerungen und das Teilen der weniger schönen, sie stiften Identität. Und auch wenn Zeitzeugen wissenschaftlich historischen Ansprüchen nicht genügen, so vermitteln sie doch Verständnis für eine Zeit, in der Eltern oder Großeltern jung waren und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Verständigung zwischen den Generationen.

Unsere Kindheit


Ursula Kennhöfer

Damit meine ich die meines Bruders Joachim und meine eigene. Unsere Eltern haben am 17. April 1913, eineinhalb Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges geheiratet. Mutter stammte aus Groß Brodsende Kreis Stuhm, Westpreußen. Vater war Müller und aus Groß Hanswalde, Kreis Mohrungen/Ostpreußen. Auf dem elterlichen Grundstück stand seine Windmühle.

Im Juli 1914 brach der Erste Weltkrieg aus und alle Männer im wehrfähigen Alter wurden Soldaten. Auch unser Vater. Als nach vier schlimmen Jahren die Waffen wieder ruhten, Deutschland den Krieg verloren hatte, waren die meisten Menschen aus der Bahn geworfen und mussten irgendwie einen neuen Anfang finden.

Meine Eltern gingen nach Osterode/Ostpreußen und Vater versuchte sich in vielen Dingen, bis er sich 1922 mit einem Fuhrunternehmen selbständig machte. Im Januar 1921 wurde ich geboren. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt noch bei der Reichsbahn beschäftigt. Ein viertel Jahr später erkrankte Mutter an spinaler Kinderlähmung. Bis die Ärzte aber die Krankheit erkannten, die wie Grippe begann und Mutter dann in die Universitätsklinik nach Königsberg überwiesen, war sie am ganzen Körper gelähmt. Innerhalb von drei Monaten ging die Lähmung allmählich zurück, bis auf das rechte Bein, das bis zu ihrem Lebensende gelähmt blieb.

Mit einem Stützapparat lernte sie aber wieder gehen. Zum Zeitpunkt meiner Geburt waren Mutter 34 Jahre und Vater 40 Jahre alt. Sie hatten erst nach 7-jähriger Ehe eine Familie gegründet. Joachim, mein jüngerer Bruder, wurde erst nach Mutters schwerer Krankheit geboren. Durch die vielen Medikamente, die Mutter während der Krankheit bekommen hatte war ihr Blut regelrecht vergiftet worden. Joachim war ein kleines, schwaches Kind, als er auf die Welt kam und die Eltern wollten es natürlich behalten. Joachim machte die englische Krankheit durch und litt bis zum sechsten Lebensjahr an Krämpfen. Erst mit zwei Jahren fing er zu gehen an; bis dahin rutschte er flink auf seinem kleinen Hintern durch Haus und Hof.

Wir wohnten in einer sehr kleinen Mietwohnung. Für uns vier gab es nur ein großes Zimmer und eine Küche. Von der Hofseite aus zu ebener Erde gelegen, von der Straßenseite aus musste man eine Treppe heruntergehen. Zu dieser Wohnung gehörten aber ein großer Hof und viele Stallungen, was für Vaters Betrieb sehr wichtig war. Er hatte später fünf Arbeitspferde und viele Wagen, die auf dem Hof gut Platz fanden.

Ein Zimmer war so groß, dass Wohn- und Schlafzimmer der Eltern darin Platz fanden. Eine Wasserleitung gab es in der Küche nicht. Das Wasser wurde eimerweise von einem Zapfhahn im Flur in die Küche getragen. Dort war auch die Waschgelegenheit für alle. Dort stand mein Bett und war auch meine Spielecke. Für Joachim wurde zur Nacht im Zimmer das Sofa zum Bett.

Die Wohnung hatte kein elektrisches Licht. Wenn es dunkel wurde, kam die Petroleumlampe auf den Tisch. Sie leuchtete auch nur die Tischplatte aus, alle Ecken und Winkel lagen im Dämmerlicht. Es war immer ein bisschen unheimlich. Es grauste uns beiden immer sehr über den dunklen Flur in den Keller zu gehen, eine kleine Treppe rauf, und meistens gingen wir zu zweit singend dorthin, um uns Mut zu machen.

Ging man in der dunklen Jahreszeit über den Hof zu den Stallungen, wurde eine Sturmlaterne angezündet. Zu der Wohnung gehörte auch ein kleiner Garten mit einer Laube. Wir Kinder hatten dort unsere Schaukel und einen Sandkasten.

In dieser Wohnung, Hindenburgstraße 6, wohnte die Familie 16 Jahre. Ich besuchte die Luisenschule in Osterode, damals eine reine Mädchenschule. Joachim wurde mit sechs Jahren in die Hindenburgschule eingeschult. Sein Lehrer war ein strenger, ungerechter Mann. Als Joachim einmal zu spät zum Unterricht kam, musste er nachsitzen. Als er darauf jeden Tag zu spät nach Haus kam, fragte Mutter beim Lehrer nach. Der meinte: »Wer am Montag zu spät kommt mu