Einführung
Von Andrew Buckley
Als ich in den frühen 1980er-Jahren für einen Pharmakonzern arbeitete, hatte ich einen Termin in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses. Dies war mein erster Besuch, und ich wusste nicht, wo mein Ziel sich befand. Am Empfang sagte man mir, ich müsse in den fünften Stock. Dann hörte ich eine Stimme hinter mir, die sagte: „Ich gehe da auch hin, ich zeige Ihnen den Weg.“ Ich war etwas nervös, weil ich nicht wusste, was mich in einer psychiatrischen Abteilung erwartete, allerdings hatte ich den FilmEiner flog über das Kuckucksnest gesehen und war daher dankbar, dass dieser gut gekleidete und groß gewachsene Mann mir Hilfe anbot.
Während wir zum Fahrstuhl gingen, bemerkte ich, dass ihm ein ungepflegter Mann folgte, die fettigen Haare zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden und mit einem schmuddeligen T-Shirt bekleidet, auf dem sich ein banaler Spruch befand. Ich blieb im Fahrstuhl dicht bei meinem Retter.
Als wir drei dann im fünften Stock ausstiegen, wurde mein Retter vom Personal durch gesicherte Türen in die geschlossene Abteilung geführt, und ich blieb stehen und sprach mit dem abgerissen wirkenden Mann aus dem Fahrstuhl, der, wie sich herausstellte, der leitende Krankenpfleger war – eine der Personen, mit denen ich an diesem Tag einen Termin hatte.
Wenn wir jemandem begegnen, der eine körperliche Behinderung oder ein Gebrechen hat, gibt es offensichtliche Anzeichen dafür, dass etwas außerhalb der Norm liegt, und wir können unser Denken und Handeln daran anpassen. Auch dafür, ob es sich bei dem wahrgenommenen Leiden um eine angeborene Behinderung, das Ergebnis einer Verletzung oder eine vorübergehende Erkrankung handelt, gibt es oft sichtbare Zeichen, anhand deren man sich ein Bild machen kann.
Der Trainer im Sport hat gegenüber einem im psychologischen Bereich tätigen Coach bei der ersten Begegnung mit einem möglichen Klienten viele Vorteile. So erkennt er beispielsweise auf den ersten Blick, dass eine Person die physische Konstitution hat, um Meister im Kugelstoßen zu werden, aber nicht, um als Jockey beim Flachrennen auf Pferden Erfolge zu feiern. Ebenso sieht er sofort, ob der Klient einigermaßen gesund aussieht, kein Übergewicht hat und so gut in Form ist, dass er beim Betreten des Fitnessstudios nicht schon kurzatmig wird, und kann alle körperlichen Dinge auch während der gesamten Sitzung weiter beobachten. Als Coach, der sich nur in der „Gesprächsführung“ bewegt, sind wir im Nachteil. Für uns gibt es keine leicht erkennbaren Hinweise darauf, ob ein aufgeweckter Manager auf der mittleren Führungsebene eines Unternehmens über die notwendige Resilienz und innere Stärke verfügt, um auch auf der obersten geschäftlichen Ebene seines Unternehmens erfolgreich zu sein und durch das Coaching nicht psychisch verletzt zu werden. Ebenso können wir nicht leicht erkennen, ob der Versuch, eine Person für das Erreichen persönlicher Ziele zu coachen, durch deren mentale Konstitution oder frühere psychische Verletzungen vereitelt werden wird.
Die Herausforderung, mit der sich das vorliegende Buch befasst, ist die Frage, auf welche Weise man diese psychologischen Probleme ebenso leicht identifizieren und handhaben kann, wie ein Trainer im Sport es mit körperlichen Problemen tut.
Das Ideal einer starken Psyche scheint etwas fast Heiliges an sich zu haben; es wird in viel höherem Maße akzeptiert, wenn einer oder mehrere Körperteile ihre Funktion vorübergehend oder dauerhaft einstellen, als wenn sich auch nur andeutet, dass die Psyche eines Menschen aktuell gerade nicht voll funktionsfähig ist. Wenn ein Freund oder Arbeitskollege wegen einer Operation ins Krankenhaus kommt, dann reagiert man darauf mit Mitgefühl, Blumen und Unterstützung der Familie. Aber wie wird es von anderen Menschen wahrgenommen, wenn jemand die Diagnose einer bipolaren Störung erhält oder wegen einer Suchtkrankheit in ein Behandlungszentrum eingewiesen wird? Dabei liegt das Risiko, an einer diagnostizierten psychischen Störung zu erkranken, über die gesamte Lebensspanne hinweg bei etwa eins zu vier. In Großbritannien erfolgen etwa 40 Prozent der Besuche bei Allgemeinärzten aufgrund psychiatrischer Beschwerden.
Die Prävalenz psychischer Probleme ist enorm, und dennoch gibt es zumindest in westlichen Gesellschaften immer noch bedeutsame Tabus und Stigmata im Zusammenhang mit dem offenen Eingeständnis, an einer psychischen Störung zu leiden. Diese Tabus können sich auch im beruflichen Bereich niederschlagen. Professionelle Coaches, Beamte im Sozialamt, Mentoren oder Mitarbeiter von Personal- oder Weiterbildungsabteilungen in Unternehmen haben oft ihre Schwierigkeiten damit, zu tolerieren, dass die Ursache für das, was in ihrem Gesprächspartner vorgeht, in einer psychischen Störung liegt. Zu den Zielen des vorliegenden Buches gehört, das Bewusstsein für diesen Bereich zu schärfen, damit mögliche psychische Probleme als Erklärung in Betracht gezogen werden, wenn die Dinge sich nicht gemäß den Erwartungen entwickeln.
Ein Beispiel: Eine frisch beförderte Managerin hat große Schwierigkeiten damit, ihr Team zu managen, was sie zunehmend belastet. Dem könnte ein Mangel an Training zugrunde liegen – weiß sie, wie man Aufgaben delegiert und andere Leute managt? Sie könnte Unterstützung durch ihren Vorgesetzten (Line Manager) benötigen oder auch Hilfe dabei, in ihrer Tätigkeit Prioritäten zu setzen. Vielleicht ist die Ursache aber auch eine tiefsitzende Unfähigkeit, anderen Menschen zu vertrauen, oder sogar eine auf Misshandlungserfahrungen in der Kindheit beruhende Unfähigkeit, ihrem vorwiegend männlichen Team gegenüber bestimmt aufzu