1. KAPITEL
Serena DePiero saß in dem vornehmen Warteraum und starrte auf die ausladenden silbernen Buchstaben an der Wand vor ihr:
Roseca Industrie und Wohltätigkeitsstiftung
Sie spürte, wie das Entsetzen wieder in ihr hochstieg. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt … Erst gerade eben, im Flugzeug nach Rio de Janeiro, hatte sie erfahren, dass die Wohltätigkeitsorganisation, für die sie seit Kurzem arbeitete, zum Roseca-Verband gehörte. Gegründet und geleitet von Luca Fonseca – der NameRoseca war aus den Namen seines Vaters und seiner Mutter zusammengesetzt.
Und jetzt war sie hier, im Vorzimmer genau dieses Luca Fonseca. Und wartete darauf, dem einzigen Mann auf der ganzen Welt zu begegnen, der sie abgrundtief hasste.
Und das zu Recht.
Aber warum hatte er zugelassen, dass sie überhaupt eingestellt wurde? Er musste doch davon gewusst haben. Oder etwa nicht? Hatte er das Ganze vielleicht sogar von Anfang an inszeniert, um sie jetzt umso eindrucksvoller zu vernichten?
Das wäre unglaublich grausam. Aber trotzdem – dieser Mann schuldete ihr nichts außer Verachtung.Sie stand inseiner Schuld, und es bestand eine gute Chance, dass ihre Karriere vorbei war, bevor sie überhaupt begonnen hatte.
Bei diesem Gedanken verspürte sie einen Anflug von Panik. Aber ein wenig Hoffnung hatte sie noch. Vielleicht war inzwischen genug Zeit vergangen. Vielleicht konnte sie Luca Fonseca doch noch davon überzeugen, wie leid es ihr tat.
Bevor sie noch länger darüber nachdenken konnte, öffnete sich eine Tür zu ihrer Rechten, und eine schlanke dunkelhaarige Frau in einem grauen Hosenanzug erschien. „Senhor Fonseca möchte Sie nun sehen, Miss DePiero.“
Serena umklammerte ihre Handtasche. Sie wollte herausschreien: „Aber ich willihn nicht sehen!“ Doch das war unmöglich. Genauso wenig konnte sie einfach weglaufen. Ihr gesamtes Gepäck befand sich noch in dem Wagen, der sie vom Flugplatz abgeholt hatte.
Als sie sich widerstrebend erhob, durchzuckte sie eine Erinnerung mit einer solchen Wucht, dass sie fast gestolpert wäre.
Luca Fonseca in einem blutbesudelten Hemd, mit einem blauen Auge und einer aufgeschlagenen Lippe. Ein Schatten dunkler Bartstoppeln auf seinem angeschwollenen Kinn, in einer Gefängniszelle. Er lehnte an der Wand und wirkte düster und gefährlich. Dann hob er den Kopf und sah sie an. Seine tiefblauen Augen wurden schmal, ein Ausdruck eisiger Verachtung erschien auf seinem Gesicht. Er richtete sich auf, kam zum Gitter herüber und umfasste die Stäbe, als würde er sich vorstellen, sie wären ihr Hals. Serena erstarrte beim Anblick seiner ramponierten Erscheinung.
„Wäre ich dir nur nie begegnet, Serena!“
„Miss DePiero?Senhor Fonseca wartet.“
Serena zwang ihre Füße dazu, an der Frau vorbei in Luca Fonsecas Büro zu gehen.
Sie hasste es, wie hart und schnell ihr Herz klopfte, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. In den ersten Sekunden nahm sie niemanden im Raum wahr. Die gesamte Rückwand des Büros bestand aus einem gewaltigen