Es war der entsetzlichste Abgrund, in den er je geblickt hatte. Wenn es irgendetwas Tröstliches daran gab, dann die Tatsache, dass er noch unten stand und nach oben schaute. Noch nicht dort war, wohin er musste. Noch am Anfang dessen, was sein Ende bedeuten könnte.
Unstet huschte sein Blick über vom Tau glitzernde, frühlingshafte Wiesen, über die schroffen, steil aufschießenden Felswände, suchte Halt an den zerklüfteten Vorsprüngen und blieb an dem winzigen überhängenden Plateau hängen, das wie ein schiefer Zahn aus einem dunklen Maul herausragte. Dort musste er hinauf. Um sich dann wieder hinunterzustürzen in die Tiefe, schwarz und bedrohlich, ein Schlund, der ihn gierig verschlingen und nur mit Glück wieder ausspucken würde, verwundet, versehrt.
Sollte er das wirklich tun? Sein Vorhaben schien ihm nun noch aberwitziger als zuvor. Doch es gab kein Zurück. Er spürte, wie seine Hände feucht wurden, und wischte sie an der Hose ab. Gab es wirklich kein Zurück? Einen Lichtstrahl der Hoffnung im Schatten dieser gewaltigen Wand …
»Na, majestätischer Anblick, was?«
Wuchtig schlug ihm sein Nebenmann die Hand auf die Schulter. Der Schmerz vertrieb kurzzeitig seine düsteren Vorahnungen und machte der Wut auf den Mann Platz, dem er die missliche Lage zu verdanken hatte: Doktor Martin Langhammer.
Der plauderte munter weiter: »Da wünscht man sich doch die Zeit zurück, als man noch im Einklang mit der Natur gelebt hat, noch gänzlich unbehelligt von den vermeintlichen Segnungen unserer modernen Zeit.«
Kluftinger nickte: »Wo die Menschen noch schweigen konnten und nicht jeden stillen Moment mit ihrem Geschwätz zerstört haben.«
Der Allgemeinarzt sah sein Gegenüber mit großen Augen an: »Genau, mein Lieber, da sind wir ja ausnahmsweise mal einer Meinung. Ich finde auch, dass man die Bergwelt nur in stiller Einkehr richtig erfassen kann. Nur die Ruhe macht diese archaische Kulisse erfahrbar, nur die …«
»Dann tun Sie’s doch endlich!«
»Was denn?«
»In stiller Einkehr richtig erfassen.«
Der Doktor gluckste. »Na, ich will doch meine Eindrücke mit meinem Freund teilen.« Wieder schlug er dem Kommissar auf die Schulter, ließ seinen Arm diesmal aber liegen.
Kluftinger entwand sich ihm. »Welchem Freund? Außer mir seh ich niemanden.«
»Genau, wie ich gesagt habe! Niemand hier außer uns. Ist für Biker noch ein echter Geheimtipp. Hierher verschlägt es kaum jemanden.«
Diese Information ließ Kluftingers Unbehagen noch wachsen. »Meinen Sie nicht, dass es vielleicht seine Gründe hat, dass da keiner herwill? Und überhaupt: Ist es heut nicht ein bisschen zu feucht und glitschig zum Radeln?« Er wollte die Hoffnung auf eine Rettung in letzter Minute noch nicht aufgeben.
»Zum Radfahren vielleicht, aber mit unseren Mountainbikes macht uns das nichts aus.«
»Macht es nicht?«
»Nein, im Gegenteil, das steigert die Herausforderung beim Biken.« Mit diesen Worten öffnete Langhammer seine Windjacke, worauf Kluftinger reflexartig die Augen zusammenkniff, denn ihm leuchtete ein neongrünes Trikot entgegen.
»Kriegen Sie dafür Geld?«, fragte der Kommissar und zeigte auf die zahlreichen Werbeaufdrucke.
»Ha, schön wär’s. Nein, das ist einem Mannschaftstrikot der Tour de France nachempfunden. Wunderschöne, originalgetreue Replika. Na ja, bis auf die Protektoren hier, hier und hier.« Er zeigte auf seine Unterarme, die Ellbogen und den Rücken. »Sie sind wirklich sicher, dass Sie ohne fahren wollen?«
»Ich hab Ihnen schon gesagt, dass ich von vornherein nirgends runterfahr, wo ich solche Dinger brauchen tät.«
»Ja, schon gut. Wir lassen es ganz langsam und sanft angehen. Sag ich den Damen auch immer.« Der Arzt zwinkerte ihm grinsend zu, und Kluftinger seufzte gequält. »Nein, im Ernst, Sie müssen erst Ihren Rhythmus finden, damit es Ihnen auch Freude bereite