: Dagmar Seifert
: Friedensnacht Wie Lene sich fürs Vaterland opferte
: Kadera-Verlag
: 9783944459622
: 1
: CHF 3.50
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 100
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In spätestens einem halben Jahr ist der Krieg vorbei, dann haben wir gesiegt! Das glauben die meisten Menschen im Sommer 1914. Helene, sechzehnjährige Offizierstochter aus Blankenese, ist ebenfalls davon überzeugt. Ihr Vater und Bruder Harro fahren an die Front, sie muss mit der ungeliebten jungen Stiefmutter zurückbleiben. Doch im Heimaturlaub schildert Harro schreckliche Szenen aus den Grabenkämpfen, und bald wird es durch die Britische Seeblockade auch Zuhause unkomfortabel. Helene erklärt in einem Schulaufsatz, dass sie jederzeit bereit ist, sich selbst aus patriotischen Gründen zu opfern. Und als sich die Gelegenheit bietet, das Vaterland zu retten, zögert sie nicht, selbstlos und verantwortungsbewusst auf ihr Gewissen zu hören... Die Autorin illustrierte die weihnachtliche Novelle mit 16 Farbzeichnungen und gibt damit der gefühlsstarken Novelle eine sinnliche Erweiterung.

Dagmar Seifert war zuerst als freie Journalistin und Redakteurin tätig. Sie verfasste Kolumnen, Märchen, Radio-Features, Gruselgeschichten, Drehbücher und Theaterstücke, aber auch Sach-, insbesondere Kochbücher. Seit 1999 tritt sie außerdem als Romanschriftstellerin in Erscheinung. Von 2009 bis 2011 war sie stellvertretende Chefredakteurin beim Internetportal Kultur-Port, für das sie immer noch Beiträge verfasst. Im Mai 2013 schloss Seifert ihre Ausbildung als Prädikantin an der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Uetersen 'Am Kloster' ab. - In ihrer Novelle »Friedensnacht« präsentiert sich Dagmar Seifert mit einem weiteren Talent: sie illustrierte die ihre Geschichte mit Farbstiftzeichnungen und fing damit auch optisch die Gesellschaft zur Zeit des Ersten Weltkriegs ein.
Als ich unseren Hausflur betrat, hörte ich Musik. Jemand spielte auf unserem Klavier - keineswegs Weihnachtsmusik, sondern den dritten Satz aus Schumanns Frühlingssinfonie. Ich roch Zigarettenrauch, und während ich hastig an der Garderobe vorbeihumpelte, sah ich aus den Augenwinkeln einen Militärmantel samt Mütze daran hängen. Zuerst dachte ich, Papa oder Harro hätte doch noch Heimaturlaub bekommen. Aber so meisterhaft spielt niemand aus meiner Familie Klavier, auch Harro nicht, ob nüchtern oder betrunken. Und Gerda schon gar nicht. Ich warf die Glastür zum Wohnzimmer auf und blieb atemlos stehen. Da saß ein wildfremder Mensch am Klavier, eine Zigarette im Mundwinkel, hörte auf zu spielen und blinzelte mich erstaunt durch den Rauch an. Meine Stiefmutter hielt ein Likörgläschen in der Hand, rauchte auch eine Zigarette und sah mich noch viel erstaunter an, sie wirkte geradezu bestürzt. Sie lag hingegossen auf der Ottomane, dicht vor ihrer Nase auf dem Tischchen brannten mehrere Kerzen, dabei hatten wir gemeinsam beschlossen, damit ganz sparsam zu sein für Weihnachten. »Was willst du denn hier?!«, rief sie mit ihrer scharfen, hellen Stimme. Sie hatte ein gefaltetes Tuch um ihre Stirn gebunden wie ein Indianer, das sollte wohl malerisch sein. »Du bist doch beim Geburtstag?« Und dann sprang sie hoch, riss mir Johnnys Mütze vom Kopf und schrie: »Was ist passiert? Wie sieht denn dein Haar aus, das ist ja ganz nass - - -?« Wenn es nass ist, dann bedeutet das, es steht in großen Locken um meinen Kopf, was mich besonders gut kleidet. Ich lächelte den fremden Mann an. Er trug eine Leutnantsuniform, soviel ich sehen konnte. Jetzt stand er höflich auf, legte seine Zigarette in den Aschbecher, verbeugte sich ein wenig und kam auf mich zu. »Das ist meine - das ist Helene. Die Tochter meines Mannes«, musste Gerda an dieser Stelle anmerken. »Gnädiges Fräulein!«, sagte der Mann, reichte mir die Hand und tippte leise seine Absätze aneinander. Er lächelte auch. Und weil Gerda, diese Pflanze, ihn nicht vorstellte, machte er das selbst: »Mein Name ist Curd Herder. Ich kenne Ihre Stiefmutter vom Alsterpavillon. Ich war der Samariter, der sie nach der Schlacht nach Hause brachte. Sie hat gewiss davon berichtet. Und seitdem korrespondieren wir ab und zu.« Das also war C. Herder, die Schreiberin der vielen dunkelgrünen Briefe, die hilfsbereite Dame, von der Gerda mir erzählt hatte! Oh, mehr noch: das war die Freundin, mit der sie den Heiligen Abend verbringen wollte, weil ich ja kein Kind mehr war und allein zu Hause bleiben konnte. Ich dachte immer, sie hieße Charlotte oder Cäcilie. Und nun hieß sie also Curd. Ich murmelte: »Mein Knie ist kaputt«, stellte die Beine hübsch gerade dicht nebeneinander und zog meinen Rock sehr hoch.