: Filip David
: Das Haus des Erinnerns und des Vergessens
: Wieser Verlag
: 9783990470404
: 1
: CHF 11.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 156
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
eder möchte einmal jemand anderer sein - aber was, wenn er dazu die Gelegenheit erhält? Albert Weis hatte schon in der Kindheit die Gelegenheit, seine Identität zu wechseln. Nachdem er im Jahr 1942 unter den Flügeln des schrecklichen Krieges ohne Eltern und ohne seinen Bruder Elijah dagestanden war, verbrachte er einige Zeit im Haus von Volksdeutschen, die ihn Hans nennen und ihn dazu bringen wollen, ihren verschwundenen Sohn zu ersetzen. Auf diese Weise entkommt er dem sicheren Tod. Albert entschließt sich damals dennoch, seine Identität zu bewahren, und läuft von dieser deutschen Familie, die drauf und dran war, ihn an Kindes statt anzunehmen, weg. Viele Jahre später stößt Weis in New York, wo er an einer Konferenz über den Zweiten Weltkrieg teilnimmt, auf ein 'Haus des Erinnerns und des Vergessens', als er Nächtens durch die Straßen streift. In einem der Räume dieses ungewöhnlichen Gebäudes ist eine Unzahl von Erinnerungen aufbewahrt. Albert bekommt auf einem Bildschirm wie einen Film das Leiden seiner Eltern und das Verschwinden seines Bruders zu sehen, für das er sich schuldig fühlt, denn der jüngere Bruder war ihm bis zum Ende zur Obhut anvertraut. Der unendliche Schmerz, den er stärker als je zuvor verspürt, kann zum Erlöschen gebracht werden, wenn er in einem nächsten Raum dieses wundersamen Hauses sein Gedächtnis löscht oder gar ganz verschwindet, so wie sein Verwandter, der berühmte Illusionist Erik Weis. Wird Albert diese letzte Chance, seine Identität zu wechseln, nützen, ganz nach den Worten seines Freundes und Landsmannes 'Das Erinnern ist schrecklicher als jedes Vergessen', oder wird er sich dazu entschließen, zu bleiben, der er ist, ungeachtet des Schmerzes, der ihn zerreißt?

Filip David, 1940 in Kragujevac geboren, studierte Literaturwissenschaft (jugoslawische und Weltliteratur) und Dramaturgie. Schriftsteller, langjähriger Chef des Theaterprogramms des Belgrader Fernsehens und Professor für Dramaturgie an der Fakultät für darstellende Kunst in Belgrad. Mitbegründer der Unabhängigen Schriftsteller; Gründer des Belgrader Kreises (1990). Autor mehrerer Romane, Erzähl- und Essaybände sowie von Fernseh- und Filmdrehbüchern. Für den vorliegenden Roman erhielt David 2014 den Preis der Wochenzeitung NIN und den renommierten Me?a-Selimovi?-Preis. In zahlreiche Sprachen übersetzt, Das Haus des Erinnerns und des Vergessens ist die erste deutschsprachige Übersetzung. Johannes Eigner, geboren 1960 in Bad St. Leonhard im Lavanttal, Kärnten. Gymnasium und Studium in Graz (Rechtswissenschaften, daneben Übersetzer- und Dolmetscherstudium in Französisch und Russisch), Post-Graduate-Studium in Frankreich. 1985 Eintritt in den diplomatischen Dienst des österreichischen Außenministeriums, Auslandsposten in Kairo, Moskau und Bratislava; seit 2012 österreichischer Botschafter in Serbien.

Lärm


Dieses Geräusch…es ist so oft da. Ein fahrender Zug. Die dahinrollenden Räder des Zuges. Anfangs konnte ich mir nicht erklären, woher dieser Lärm kommt. Er weckte mich immer wieder mitten in der Nacht. Ich stand jedes Mal auf, öffnete die Fenster und versuchte, dessen Ursprung auszumachen. Vergebens. Es gab in der Nähe keine Gleise, keinen Bahnhof.

Ich hielt mir die Ohren zu, steckte den Kopf unter das Kissen. Nichts half. Dieser hartnäckige, monotone Lärm hörte einfach nicht auf.

Rat-ta-rat-rat-ta-rat.

Ich pflegte mich anzukleiden, aus dem Haus zu gehen und durch die leeren Straßen zu irren, um vor diesem monotonen Geräusch eines fahrenden Zuges möglichst weit wegzulaufen.

Das Geräusch begleitete mich. Es war da, um mich, in mir, nicht abzuschütteln. Es trieb mich zum Wahnsinn.

Rat-ta-rat-rat-ta-rat.

Auf einmal hörte es auf. Aber ich wusste, es würde wiederkehren. Mit jedem Mal lauter, hartnäckiger, unerträglicher.

Einleitung (aus dem Tagebuch des Albert Weisz)


In welchem von einer zufälligen Begegnung die Rede ist, bei der die Frage gestellt wird, ob unser Schicksal vorausbestimmt ist, erklärt wird, was ein Daimon ist und Schlüsse aus einigen Lebensirrtümern gezogen werden.

Anfang 2004 nahm ich an einer von der Europäischen Union organisierten internationalen Tagung im Belgrader »Park«-Hotel zum Thema »Verbrechen, Versöhnung, Vergessen« teil. Das Treffen verlief wie viele ähnliche großteils in einer akademischen Atmosphäre. Die meiste Zeit wurde für vergebliche Versuche vertan, der Natur des Bösen auf den Grund zu gehen und sein philosophisches, theologisches, ja menschliches Wesen zu bestimmen. Als das Böse bezeichnen wir Vielerlei – von Naturkatastrophen über Krankheiten bis hin zu gewaltsamem Tod, Kriegen, Verbrechen. Wenn ausschließlich von Verbrechen die Rede ist, hört man hauptsächlich die These von der Banalität des Bösen, aufgestellt von Hannah Arendt nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem. Viele der Sprecher hoben hervor, wie Frau Arendt nach dieser ihrer Erkenntnis endlich wieder in Ruhe schlafen konnte, in der Überzeugung, dass sich ein Verbrechen in den Ausmaßen des Holocaust nie mehr wiederholen würde, dies hingegen aber nicht auszuschließen wäre, handelte es sich beim Bösen um etwas Metaphysisches, dem menschlichen Begreifen völlig Unzugängliches. Während des Vortrags der verschiedenen Referate bemerkte ich jemanden in der letzten