ZWEI
Anke Grainer setzte sich neben ihn aufs Bett. Sie trug einen Badeanzug, und ihr von einem strahlenden Glänzen umrahmtes Gesicht näherte sich Schlaichers Kopf. Sie hauchte ein zartes »Rainer Maria« in sein Ohr. In ihren warmen Augen entdeckte Schlaicher eine Lust, die mehr als nur körperlicher Natur war. »Rainer Maria«, hauchte sie wieder, diesmal etwas lauter, während ihre zarten Hände seine Schultern fassten und daran rüttelten. Wieder ein »Rainer Maria, wach auf!«.
Schlaicher saß in der nächsten Sekunde aufrecht im Bett. Das Licht brannte. Vor ihm stand sein Vater in einem dunkelblauen Pyjama.
»Papa, was ist los?« Schlaicher kämpfte darum, einen klaren Kopf zu bekommen.
»Steh auf, ich brauche deine Hilfe«, sagte der alte Herr mit eindringlichem Tonfall.
»Geht es dir nicht gut?«
»Doch, doch, keine Sorge, jetzt steh erst mal auf.« Mit diesen Worten ließ sein Vater ihn allein. Schlaicher schaute auf seinen Wecker. 3 : 06 Uhr. Mitten in der Nacht.
Er zog sich seine Hose und ein T-Shirt an und ging beunruhigt in die Küche, wo sein Vater offensichtlich Kaffee kochte.
»Was ist los, Papa?«
»Du musst etwas für mich besorgen. Es ist dringend«, sagte sein Vater, ohne sich umzudrehen.
»Weißt du, wie spät es ist?«
»Vielleicht bald zu spät, wenn du mir diesen kleinen Gefallen nicht tun kannst«, schimpfte sein Vater. Er drehte sich zu Schlaicher um, noch immer die Kaffeedose in der Hand.
»So, jetzt trinkst du einen Kaffee und fährst dann los. Ich habe nämlich mein Asthmaspray vergessen.«
»Bitte? Das hat doch Zeit bis morgen!«, schimpfte diesmal Schlaicher.
»Wenn du willst, dass ich hier in deiner Wohnung sterbe, dann hat es Zeit bis morgen. Sonst nicht.«
Der Wasserkocher brodelte und ging dann von allein aus. Schlaicher setzte sich auf einen Küchenstuhl und rieb sich die Müdigkeit aus den Augen. »Und wo soll ich um die Zeit ein Asthmaspray herbekommen?«, fragte er.
»Du wirst doch wohl schon einmal von einer Notfallapotheke gehört haben«, antwortete sein Vater.
Der Kaffee war dünn wie Tee gewesen. Schlaicher hatte nach nur einem Schluck den Rest stehen gelassen und sich stattdessen fertig angezogen. Je schneller er das Medikament besorgt haben würde, desto schneller konnte er sich wieder in sein Bett legen. Er wusste genau, dass es keinen Sinn hatte, sich mit seinem Vater zu streiten. Der hatte schon immer genau gewusst, wie er seinem Sohn die Pistole auf die Brust setzen konnte. Und tatsächlich fühlte Schlaicher Besorgnis in sich.
Er hatte in den Gelben Seiten nachgeschaut und die Nummer der Apotheke in Maulburg rausgesucht. Dort hatte man in einer langatmigen Bandansage, die zu leise und auf Alemannisch gesprochen war, an die Wiesenapotheke in Schopfheim verwiesen. Nun saß er in seinem stinkenden Frontera und fuhr vor sich hinfluchend durch die Nacht.
Auf dem Marktplatz stand nur ein einziger Wagen. Der dicken Frostschicht auf den Scheiben sah man an, dass der kleine Fiat schon die ganze Nacht hier parkte. Schlaicher hatte das unbestimmte Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Aber während er in Richtung der Hauptstraße weiterging, konnte er nicht ausmachen, was das sein mochte. Beunruhigt ging er weiter. Dabei war eigentlich klar, was hier nicht stimmte, dachte er sich: Es war kurz vor halb vier Uhr morgens, schweinekalt, und er war unterwegs auf der Suche nach einer Apotheke.
Als Schlaicher an der Hebelstraße vorbeikam, die in Richtung Bahnhof führte, trat eine Gestalt aus einem Hauseingang hervor. Das Gesicht des Mannes war fast vollständig von einem wirren Bart überwuchert, die Kapuze seines