Hjörward und Solveig beeilten sich, zum Platz in der Dorfmitte zu kommen, um den Aggressor aus der Nähe sehen bzw. ihm gegenüber stehen zu können. Der Mann war gefesselt und hatte im Lauf der Verfolgung und während des Rücktransports nach seiner Ergreifung einige Wunden und Blessuren davongetragen, die aber nicht besonders schlimm waren. Jedenfalls nicht lebensgefährlicher als das, was ihn nun erwartete. Es war äußerst unsicher, ob er das Dorf mit heiler Haut wieder verlassen würde.
Man band ihn an einen übermannsgroßen Pflock und bereitete sich darauf vor, ihn für sein Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen. So war es Sitte, so lautete ihr Gesetz. Nach der Anklage würde er die Gelegenheit bekommen, sich zu erklären, und mögliche Gründe anzuführen, die sein Handeln rechtfertigen würden. Hjörward war sich nicht sicher, ob er es so weit kommen lassen sollte. Er hatte etwas zu verbergen, und er konnte nicht wissen, wie viel dieser Mann wusste oder wie die Dorfbewohner urteilen würden. Der Mensch war gerade in solchen Dingen nur zu oft unberechenbar. Er erinnerte sich an sein Gespräch mit Solveig und entschloss sich dazu, gegen seinen ursprünglichen Instinkt zu handeln und nicht einzugreifen, sondern den Einwohnern die Entscheidung zu überlassen. Ein gewagtes Unterfangen, doch Hjörward wollte ihnen den gebührenden Respekt erweisen, selbst dann noch, wenn sie ihn später auffordern würden, die Gemeinschaft zu verlassen. Er schuldete es ihnen einfach.
So saß er scheinbar ungerührt da, und hörte sich an, wie über den Gefangenen Gericht gehalten wurde. Die Aussagen waren nicht selten von Staunen, Geraune und verwunderten Blicken in seine Richtung begleitet. Aber Hjörward unterdrückte seine Gefühle und behielt, wenn auch nur schwer, seine Zurückhaltung. Es fiel ihm keineswegs leicht, aber es war ihm einfach zu wichtig, nicht aus der Rolle zu fallen. Er hatte das Versteckspiel nun lange genug getrieben und er wollte - zumindest diesen Dorfbewohnern gegenüber - so ehrlich sein, wie es ohne Selbstbelastung ging.
Die Angelegenheit war schnell besprochen. Der Beschuldigte wollte den Zorn der Anwesenden auf seinen Gegenüber lenken, doch Hjörward war in der Runde viel zu angesehen, als dass man ihn wegen der unbestätigten Anklage des Mannes hätte verurteilen wollen. Die Menschen dieses Dorfes liebten ihn nahezu. Kein fanatischer Eiferer hätte das ändern können, selbst wenn Hjörward der Teufel persönlich gewesen wäre. Außerdem kam nur seine Identität, und nicht seine sonstige Beteiligung zum Vorschein. Es gab also keinen Grund, ihn zu verurteilen. So kam der Rat zu dem Schluss, dass ein Todesurteil nötig wäre, um der Angelegenheit ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Dieses Urteil hätte jedoch wiederum einen Konflikt mit dem Dorf entfachen können, aus dem der Mann stammte, schließlich hatte er dort Freunde und Verwandte. Und ein Krieg war wirklich das le