: Dr. Peter Schmidsberger
: Skandal Herzinfarkt Die Hintergründe einer Epidemie und der Strophanthin-Streit
: Jim Humble Verlag
: 9789088791055
: 1
: CHF 8.80
:
: Allgemeines
: German
: 229
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wer dieses Buch zu lesen beginnt, legt es nicht wieder weg, denn sein Thema geht jeden von uns an. Am Beispiel eines hochaktuellen Falles, stellt der Autor dar, wie medizinischer Fortschritt aufgehalten und unterdrückt werden kann.

Eine Gruppe von deutschen Ärzten hatte den Professoren der Schulmedizin vorgeworfen, dass Herzinfarkt-Kranke Opfer einer falschen Lehre seien. Daraufhin veranstaltete die Prominenz der Kardiologie einen Schauprozess.
Sie saß über die Neuerer zu Gericht wie einst die Inquisition über die Abtrünnigen von kirchlichen Dogmen.
Die Analyse der Originalprotokolle offenbart, warum wissenschaftlicher Fortschritt nie kontinuierlich zustande kommt, sondern immer erst nach erbittertem Kampf. Auch Fortschritte in der Heilkunde, von denen die Rettung unzähliger Menschenleben abhängt, werden erst durch Revolutionen ermöglicht, oder wie werden durch den Widerstand konservativer Gelehrter um Jahrzehnte hinausgezögert.

Denn auch Kapazitäten sind oft nur gefangener ihrer eigenen Lehre und deshalb nicht einmal dazu bereit, die Grundlagen ihrer Theorien zu überprüfen. Sie lassen sich sogar dann nicht von ihren Überzeugungen abbringen, wenn diese zu skandaläsen Zuständen geführt haben. Den Neuerer aber erwarten Ketzergericht und Bannfluch, „ein im Schutze der akademischen Gemeinschaft verübter Strafexzess“.

Diese Erkenntnis aus Studien der Wissenschaftsgeschichte wurde in keinem anderen Fall so anschaulich deutlich gemacht wie beim Herzinfarkt-Tribunal von Heidelberg. Der Streit um die Entstehung und Verhütung des Herzinfarktes ist selbst in der Geschichte der Medizin einzigartig, obwohl in diesem Bereich Neuerer noch nie sehr vornehm behandelt wurden. Die Ereignisse scheinen deshalb so bedenklich, weil sie sich jederzeit auf anderen Gebieten wiederholen.

Der Autor hat in seiner Analyse der dramatischen Geschehnisse eine Fülle von Tatsachen zusammengetragen und allgemeinverständlich dargestellt. Er erläutert die widersprüchlichen Theorien und ihr entstehen, verfolgt das Zustandekommen der gegensätzlichen Ansichten und geht auch auf die Wirksamkeit der verschiedenen Behandlungsvorschriften ein.

Kapitel 1

Der Ruf nach dem Scheiterhaufen

1.1 Ein gesundes Herz tut nicht weh

Spüren Sie gelegentlich Ihr Herz? Dann schenken Sie solchen Warnzeichen in Zukunft mehr Beachtung. Denn ein gesundes Herz tut nicht weh. Was Sie spüren, sind immer krankhafte Vorgänge. Zwar bedeuten Herzschmerzen nicht gleich, dass Sie schwer herzkrank sind. Aber sie weisen auf eine Schädigung dieses Organs hin. Weil Herzerkrankungen das Leben unmittelbar bedrohen, hat die Natur ein empfindliches Warnsystem eingerichtet, das schon frühzeitig Signale aussendet.

Ein Arbeitskreis von Ärzten hat nach jahrelangen Beobachtungen vieler tausender von Patienten einen Katalog von Symptomen zusammengestellt. Danach macht sich der vorgeschädigte Zustand dieses Organs auf folgende Weise bemerkbar: durch

  • Herzbeschwerden aller Arten und Schweregrade. Sie äußern sich unterschiedlich als Brennen, als Drücken oder Stechen, als ein Gefühl des Klemmens oder der Verkrampfung, als eine eigenartige bedrückende Beengung, die keiner vergisst, der sie einmal erlebt hat. Sie treten auch als starker Schmerz auf, als Angina-Pectoris- Anfall („Brustenge“). Aber ein geschädigter Herzmuskel macht nicht nur im Bereich des Organs selber Schmerzen, es kommt zu einem
  • Ausstrahlen der Beschwerden. Das wird empfunden als ein dem Rheumaschmerz ähnliches Ziehen und Stechen in der linken Schulter, im linken Arm, zum Teil bis in die Fingerspitzen, auch in die linke Seite des Rückens. Anders machen sich diese Ausstrahlungen in der Halsgrube über dem Brustbein bemerkbar. Dort sind sie als eigentümliches Druckgefühl spürbar, als steckte einem ein Kloß im Halse. Der Kranke hat das Bedürfnis, hinunterzuschlucken, es würgt ihn und drückt ihm die Luft ab. Auffallend auch dies:
  • Kurzatmigkeit bei Anstrengungen und ungewöhnlich rasche Ermüdbarkeit im Alltag. Es kommt, ohne sonderliche Leistung, schon nach kurzer Zeit zu Erschöpfungszuständen. Selbst das Treppensteigen macht Schwierigkeiten, der Kranke glaubt, nicht mehr weiter zu können, er keucht nach Luft. Besonders quälend wird diese
  • Atemnot in der Nacht. Die Kranken steigen aus dem Bett und reißen das Fenster auf. Denn sie führen dieses Frischluftbedürfnis auf stickige Luft im Schlafzimmer zurück. Doch zu Unrecht. Ihre Atemnot entsteht nämlich nicht durch Mangel an Sauerstoff im Raum, sondern infolge einer Blutstauung in der Lunge. Es würde genügen, wenn der Kranke sich neben das Bett stellt, so dass das Blut aus der Lunge in den Unterkörper abfließt. In der Nacht kann noch ein weiteres Problem lästig werden:
  • die herzverursachte Schlafstörung. Der Kranke wacht nach wenigen Stunden Schlaf plötzlich mit Herzklopfen auf. Manchmal ist er nass von Schweiß und erinnert sich noch der erschreckenden Angstträume, die er kurz vor dem Erwachen hatte. Er kann nicht wieder einschlafen, oft liegt er stundenlang wach, obwohl er übermüdet ist. Erst gegen Morgen fällt er in einen bleiernen Schlaf. Dieses „Nachtleben“ der Patienten ist eines der am wenigsten bekannten und gleichzeitig besonders typischen Anzeichen für eine Herzerkrankung. Ein anderes Symptom, das im Bett auftritt, ist die
  • Unverträglichkeit des Liegens auf der linken Seite. Denn das links Liegen führt zu Unruhe, zu Herzklopfen oder Druckgefühl in der Herzgegend. Die Folge sind Angstträume und schreckhaftes Erwachen. Überhaupt tritt bei all diesen Symptomen eine Besonderheit auf:
  • Herzangst. Sie äußert sich nicht nur in Alpträumen, sondern auch in Zuständen der Sorge oder der Hoffnungslosigkeit. Während der Nacht macht sich häufig eine Bangigkeit bemerkbar, die in das Gefühl völliger Ausweglosigkeit mündet und den Morgen herbeisehnen lässt. Diese Angst hat anfangs gar keine Beziehung zu einem bestimmten äußeren Anlass. Aber unangenehme Vorstellungen oder Erlebnisse, mit denen sich der Kranke herumzuschlagen hat oder hatte, beginnen sich in diese Gemütslage hineinzudrängen, um sie schließlich mit persönlichen Konflikten, beruflichen Kümmernissen, mit Angst vor einer Wirtschaftskrise, Krebs oder Krieg, mit Erinnerungen an bedrohliche Situationen längst vergangener Zeiten peinigend zu erfüllen.