Die Sonne über Pisa schien heiß, und die Menschen sehnten nach jedem Tag den Abend herbei. Denn dann kühlte die hitzeflirrende Luft ab und brachte die erhoffte Kühle für die Nacht. Die wohlhabenden Familien flohen in ihre Villen oder Häuser auf dem Land rund um die Stadt. So auch die Moratinis. Doch selbst dort hielt sich das Oberhaupt der Familie, Bruno Moratini, am ehesten in seiner Studierstube auf. Der Handelsherr plante seit längerem die Gründung eines Geldhauses, und nun waren die Vorbereitungen dafür so gut wie abgeschlossen. Er hoffte darauf, dass die Moratinis dann endgültig in die erste Garde der mächtigsten Familien von Pisa aufsteigen würden. Seitdem die Florentiner ihren Einfluss in der Stadt immer mehr ausweiteten, waren die Geschäfte nicht einfacher geworden. Aber die frisch gegründete Moratini-Bank würde dies zu nutzen wissen und mit Florenz gute Geschäfte machen.
Was Bruno Moratinis Sohn Lorenzo und dessen Verlobte Johanna zu Greifenberg anging, litten sie sicher weniger unter der Hitze als die älteren Herrschaften. Dafür stellte die ständige Anwesenheit der Schwester des Patriarchen die beiden jungen Leute auf eine harte Probe. Das Paar war so verliebt wie am ersten Tag, wurde aber von der argwöhnischen Tante mit Argusaugen überwacht. Die Patrizier, so musste Johanna rasch feststellen, verbaten so ziemlich alles, was sie zu Hause an heißen Sommertagen gerne gemacht hatte: ausgedehnte Streifzüge zu Pferd über das Land, ein Bad in einem der Flüsse oder der Seen, die Dressur ihrer geliebten Jagdhunde oder gar eine Falkenbeize. Zu Beginn ihres Aufenthaltes in Pisa hatte sie noch geglaubt, wenn schon keine Freundinnen oder Hofdamen sie begleiteten, könne ja Lorenzo deren Platz einnehmen. Aber auch das wurde ihr nicht erlaubt. Ein flüchtiger Kuss war das Äußerste, was die Schwester des Hausherrn gestattete. Und weil sie wie ein Schatten überall zu sein schien, flüchtete sich Lorenzo als Erster vor ihrer Aufsicht. Zuerst in die Arbeit für das Unternehmen, dann immer öfter zu langen Jagdpartien mit den reichen Erben anderer Familien. Nach wie vor ließ er sich daneben auch von den zahlreichen Provinzfürsten zu Gesellschaften einladen. Da er noch nicht verheiratet war, ging er allein dorthin. Dabei traf er immer öfter auf Leute, die von Johannas Liebreiz gehört hatten und sie unbedingt mit eigenen Augen sehen wollten. Dann musste Lorenzo die Neugierigen vertrösten. Bevor er und Johanna nicht unter der Haube waren, war an gemeinsame Auftritte in der feinen Gesellschaft nicht zu denken.
Johanna wartete jedes Mal mit wachsender Ungeduld auf ihren Verlobten, um ihn dann unter den Argusaugen der Tante mehr flüchtig und vor allem züchtig begrüßen zu dürfen. Dies alles gefiel ihr gar nicht, und sie empfand das Warten auf die bevorstehende Hochzeit allmählich als belastend. Ähnlich wie ihre ältere Schwester wäre sie in der Zwischenzeit gern wieder nach Hause zurückgekehrt, bis die Hochzeit dann tatsächlich anstand. Doch derart weite Reisen galten im Moment als gefährlich. In der Gegend um die Stadt Pisa hatten sich die Wanderarbeiter zum Aufstand erhoben, nachdem der Preis für Wein um fast drei Kreuzer pro Krug angehoben worden war. Johanna hoffte zwar ständig, noch aufbrechen zu können, doch immer öfter kamen ihnen Nachrichten über blutige Überfälle auf einsame Landgüter entlang des Arno zu Ohren. Sie wusste, dass ihre Mutter Hagen in Begleitung seines Burschen und Frieder in Richtung Süden geschickt hatte, um Wolfs zukünftige Braut nach Greifenberg zu geleiten. Ein Brief mit dieser jüngsten Nachricht, von ihrer Mutter geschrieben, hatte sie durch einen Boten etwa eine Woche nach dem Aufbruch erreicht. Und nach wie vor erhielt sie auch Briefe von ihrer Schwester Friederike aus deren zukünftiger Heimat Weil.
So saß Johanna an diesem Nachmittag im Garten unter einem schattenspendenden Baum und schrieb wieder einmal an ihre Mutter. In diesen Briefen konnte sie sich all die Kümmernisse von der Seele schreiben, weil sie wusste, dass Eleonore ihr immer tröstend antworten würde. Als plötzlich ein Schatten auf das Pergament fiel, blickte sie auf. Vor ihr stand ihr zukünftiger Schwiegervater. Wie immer elegant gekleidet, trug er trotz der Hitze ein Barett auf dem Kopf, und die Ärmel seines knielangen Gewandes, die mit feiner Spitze eingefasst waren, endeten erst an seinen Handgelenken.