: Martha Grimes
: Auferstanden von den Toten Roman
: Goldmann
: 9783641191900
: Die Inspektor-Jury-Romane
: 1
: CHF 8.00
:
: Spannung
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Unter mysteriösen Umständen verschwindet in der ländlichen Idylle von Cambridgeshire die 15-jährige Nell Ryder. Zwei Jahre später fehlt von ihr und ihrem wertvollen Rennpferd noch immer jede Spur, doch ihr Vater Roger ist davon überzeugt, dass seine Tochter noch am Leben ist. Gemeinsam mit seinem Freund Melrose Plant nimmt Inspektor Jury die hoch angesehene Familie Ryder unter die Lupe und stößt schon bald auf Ungereimtheiten. Doch welche Abgründe dort wirklich lauern, wird ihm erst klar, als man auf dem Ryderschen Anwesen die Leiche einer unbekannten Frau entdeckt ...

Martha Grimes zählt zu den erfolgreichsten Krimiautorinnen unserer Zeit. Lange Zeit unterrichtete sie kreatives Schreiben an der Johns-Hopkins-University. Durch ihre Serien um Inspektor Richard Jury und die 12-jährige Ermittlerin Emma Graham wurde sie weltbekannt. Die 'Mystery Writers of America' kürten sie 2012 für ihr Lebenswerk zum 'Grand Master', und ihre Inspektor-Jury-Reihe wurde nun auch fürs deutsche Fernsehen entdeckt und erfolgreich verfilmt. Martha Grimes lebt heute in Bethesda, Maryland.

6


Dass Vernon Rice Geld »machte«, konnte man wohl behaupten. Er besaß eine eigene Anlagefirma in der City, in der er jede Menge Geld hin und her bewegte, sowohl für sich selbst wie für seine Geschäftspartner. Start-ups, also junge, neue Firmen, hatten es ihm besonders angetan, doch obwohl er seine Klienten vor stark schwankenden Unternehmen warnte, nahmen sie seinen Rat nicht immer an. Ihn wunderte bloß, wie sorglos manche Leute mit ihrem Geld umgingen, wie leicht sie sich davon trennten, wenn sie nur Wind von etwas bekamen, das vielversprechend aussah (es vermutlich aber nicht war). Wie Hunde auf der Fuchsfährte führten sie sich auf.

Vernons Tage (und viele seiner Nächte) drehten sich ums Geld. Am meisten warf seine kleine Investmentfirma in der City ab, bestehend aus ihm selbst, seiner Empfangssekretärin und seinen beiden jungen Assistenten Daphne und Bobby. Die beiden beobachteten für ihn das tägliche Finanzgeschäft, informierten ihn über wichtige Transaktionen und erledigten selbstständig Tagesgeschäfte. Er hatte die beiden mehr oder weniger von der Straße weg bei sich eingestellt und es nie bereut.

Daphne hatte etwas verloren ausgesehen, als Vernon ihr damals nicht weit von der Börse an der Kreuzung Threadneedle und Old Broad Street begegnet war. Sie war ihm aufgefallen, weil sie einfach dort stand und keine Anstalten machte weiterzugehen. Ihr dunkles Haar quoll in Löckchen unter einer engen, grauen Wollmütze hervor, von der zwei kleine graue Ohren abstanden. Mit ihren Locken, dem glatten, ovalen Gesicht, den staunenden braunen Augen und – natürlich – diesen Öhrchen schätzte Vernon sie auf irgendetwas zwischen zwölf und zweiunddreißig.

Obwohl sie vermutlich glauben würde, er wollte sich an sie heranmachen, ging er das Risiko ein, denn er konnte weder ihrer offensichtlichen Zwangslage noch den Ohren an der Wollmütze widerstehen. »Verzeihen Sie, denken Sie jetzt nicht, ich will Sie aufreißen oder so, aber Sie haben anscheinend Schwierigkeiten, äh, von der Stelle zu kommen. Ich meine, es ist wohl weniger das übliche Problem ›welche von den beiden Straßen ist eigentlich die richtige?‹ als das Dilemma ›Was suche ich eigentlich hier?‹. Und da dachte ich mir, vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.« In dem Stil redete Vernon weiter und konnte gar nicht mehr aufhören, ihr sowohl ihre schwierige Lage als auch sein Hilfsangebot auseinander zu setzen. Endlich verstummte er einfach, während sie ihn stumm anstarrte, während die Passanten von der London Bridge her in alle Richtungen strömten –