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Dass Vernon Rice Geld »machte«, konnte man wohl behaupten. Er besaß eine eigene Anlagefirma in der City, in der er jede Menge Geld hin und her bewegte, sowohl für sich selbst wie für seine Geschäftspartner. Start-ups, also junge, neue Firmen, hatten es ihm besonders angetan, doch obwohl er seine Klienten vor stark schwankenden Unternehmen warnte, nahmen sie seinen Rat nicht immer an. Ihn wunderte bloß, wie sorglos manche Leute mit ihrem Geld umgingen, wie leicht sie sich davon trennten, wenn sie nur Wind von etwas bekamen, das vielversprechend aussah (es vermutlich aber nicht war). Wie Hunde auf der Fuchsfährte führten sie sich auf.
Vernons Tage (und viele seiner Nächte) drehten sich ums Geld. Am meisten warf seine kleine Investmentfirma in der City ab, bestehend aus ihm selbst, seiner Empfangssekretärin und seinen beiden jungen Assistenten Daphne und Bobby. Die beiden beobachteten für ihn das tägliche Finanzgeschäft, informierten ihn über wichtige Transaktionen und erledigten selbstständig Tagesgeschäfte. Er hatte die beiden mehr oder weniger von der Straße weg bei sich eingestellt und es nie bereut.
Daphne hatte etwas verloren ausgesehen, als Vernon ihr damals nicht weit von der Börse an der Kreuzung Threadneedle und Old Broad Street begegnet war. Sie war ihm aufgefallen, weil sie einfach dort stand und keine Anstalten machte weiterzugehen. Ihr dunkles Haar quoll in Löckchen unter einer engen, grauen Wollmütze hervor, von der zwei kleine graue Ohren abstanden. Mit ihren Locken, dem glatten, ovalen Gesicht, den staunenden braunen Augen und – natürlich – diesen Öhrchen schätzte Vernon sie auf irgendetwas zwischen zwölf und zweiunddreißig.
Obwohl sie vermutlich glauben würde, er wollte sich an sie heranmachen, ging er das Risiko ein, denn er konnte weder ihrer offensichtlichen Zwangslage noch den Ohren an der Wollmütze widerstehen. »Verzeihen Sie, denken Sie jetzt nicht, ich will Sie aufreißen oder so, aber Sie haben anscheinend Schwierigkeiten, äh, von der Stelle zu kommen. Ich meine, es ist wohl weniger das übliche Problem ›welche von den beiden Straßen ist eigentlich die richtige?‹ als das Dilemma ›Was suche ich eigentlich hier?‹. Und da dachte ich mir, vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.« In dem Stil redete Vernon weiter und konnte gar nicht mehr aufhören, ihr sowohl ihre schwierige Lage als auch sein Hilfsangebot auseinander zu setzen. Endlich verstummte er einfach, während sie ihn stumm anstarrte, während die Passanten von der London Bridge her in alle Richtungen strömten –