: Ernst Baltrusch
: Außenpolitik, Bünde und Reichsbildung in der Antike
: De Gruyter Oldenbourg
: 9783486584011
: 1
: CHF 15.70
:
: Altertum
: German
: 232
: Wasserzeichen/DRM
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: PDF

Die ersteübergreifende Darstellung des außenpolitischen Geschehens in der gesamten Antike

Ernst Baltruschs Buch ist die erste Monographieüber die antike Außenpolitik von den Anfängen der griechischen und römischen Antike (ca. 800 v.Chr.) bis zum Beginn der Spätantike (ca. 300 n.Chr.). Es behandelt dieäußeren Beziehungen in der griechisch-römischen Antike in einem weit gefassten Sinn.

Thematische Schwerpunkte sind dabei die außenpolitischen Beziehungen, die großen Bündnissysteme (Symmachie, Attischer Seebund, Peloponnesischer Bund, das römische Bundesgenossensystem) sowie die Reichsbildungen unter Alexander dem Großen und den Römern. Im Vordergrund stehen Einrichtungen antiker Außenpolitik und die Formen außenpolitischer Kommunikation.

3. Außenpolitik, interpolitische Beziehungen und Völkerrecht (S. 14)

3.1 Begrifflichkeit
Der Begriff„Außenpolitik" verträgt trotz seines Ursprungs in der Frühen Neuzeit durchaus eine sehr weite inhaltliche Auslegung und ist daher am wenigsten problematisch in seiner Anwendung auf vormoderne Verhältnisse, da er weder eine moderne Vorstellung von Staat voraussetzt noch an irgendein anderes System a priori gebunden ist (s. Kap. 1).

Weit gefasst ist also unter Außenpolitik jede zielgerichtete friedliche oder kriegerische Aktivität einer Polis oder eines andersgearteten, zu solcher Aktivität befähigten (also in der Regel autonomen) Gemeinwesens bzw. ihrer Amtsleute und Vertreter im Verhältnis zu anderen Poleis oder Gemeinwesen zu verstehen. Darin sind eingeschlossen: Kriege und ihre Androhung, Verträge und vergleichbare Beziehungen (Kapitulation, Schutzsuche, alle Formen der Kontaktaufnahme und Zusammenarbeit), Diplomatie undVerhandlun- gen, schiedsgerichtliche und vermittelnde Verfahren, religiöse Verbindungen (z. B. gemeinsame Festveranstaltungen und Kulte).

Schwerer zu rechtfertigen ist die Verwendung des Begriffes„Völkerrecht" für antike Verhältnisse, erstens in seinem heutigen Verständnis als ein von neuzeitlichen Fachgelehrten entwickeltes juristisches System, zweitens in seiner Nähe zum römischen ius gentium, aus dem es hervorgegangen ist, von dem es sich aber inhaltlich stark unterscheidet, und drittens in seiner Anwendung auf ein Staatensystem.

Wenn die klassischen römischen Juristen von„Völkerrecht" (ius gentium) sprachen und dieses deutlich vom„bürgerlichen Recht" (ius civile) und vom„Amtsrecht" (ius honorarium) schieden, so verstanden sie es doch immer nur als ein römisches, nichtübergeordnetes Recht.

Dieses ius gentium war zudem nicht ausschließlich auf die rechtlichen Beziehungen zwischen Staaten beschränkt, sondern umfasste z. B. auch die Freilassung von Sklaven, weil die Sklaverei eine allen Völkern gemeinsame Einrichtung und deshalb auch die Freilassung einüberall anzutreffendes Rechtsinstitut sei (Ulp. Dig. 1,1,4), auch die Griechen, die keinen dem römischen ius vergleichbaren Rechtsbegriff entwickelt hatten, stellten sich allen Menschen gemeinsame Rechtsregeln vor.
Trotz dieses Befundes halte ich an demBegriff„Völkerrecht" auch für die antikenVerhältnisse von folgendenÜberlegungen ausgehend fest:

1. Das Vorhandensein eines Völkerrechtes hängt nicht ursächlich an einem modernen Staatsbegriff, sondern an der Existenz autonomer politischer Einheiten– modern: Völkerrechtssubjekte–, die zum einen miteinander in regelmäßigen Kontakt treten, zum anderen sich an abgeschlossene Vereinbarungen gebunden fühlen.

2. Die Rechtsquellen des modernen Völkerrechts (allgemeine Rechtsregeln, Vertragsrecht, Gewohnheitsrecht) und das Anwendungsfeld des Völkerrechts (Kriegsrecht, Vertragsrecht, Gesandtenrecht) stellen Berührungspunkte zwischen antikem und modernem Völkerrecht her.

3. Für die griechische Klassik als die wohl„modernste" (im Sinne der Dichte zwischenstaatlicher Zusammenarbeit) Zeit des antiken Völkerrechts lässt sich sogar eine Art von Rechtssystem feststellen, das aus einer Vielzahl von formalisierten Beziehungen erwachsen ist und im Peloponnesischen Krieg einer harten, aber bestandenen Bewährungsprobe unterzogen wurde.

4. Hermeneutisch ist der Begriff„Völkerrecht" für die Erkennung zwischenstaatlicher Strukturen unverzichtbar. Die griechische Philosophie und das römische Recht haben keinen vergleichbaren Begriff entwickelt, weil die Philosophen sich ausschließlich auf die einzelne Polis und ihre innere Struktur, unter die auch die außenpolitischen Beziehungen gefasst wurden, konzentriert haben, und die römischen Juristen angesichts des real existierenden Weltreiches und einer daran anknüpfenden Weltherrschaftsideologie keine Notwendigkeit verspürten, ein anderes als ein römisches Recht zu konzipieren.

Ernst Baltrusch, geboren 1956, ist Professor für Alte Geschichte an der Freien Universität Berlin.
Vorwort6
Inhalt8
Zu diesem Band12
I. Enzyklopädischer Überblick14
1. Vorbemerkungen14
2. Griechische und römische Frühzeit18
2.1 Homerische Zeit (ca. 800–600 v.Chr.)18
2.2 Römische Frühzeit (8.–4. Jahrhundert v.Chr.)22
3. Auflenpolitik, interpolitische Beziehungen und Völkerrecht27
3.1 Begrifflichkeit27
3.2 Autonomie, Souveränität, Völkerrechtssubjektivität30
3.3 Krieg und Frieden35
3.4 Religion und Außenpolitik39
3.5 Diplomatie, Gesandtschaften, Proxenie42
3.6 Vertragswesen44
3.7 Schiedsgerichte47
3.8 Neutralität47
3.9 Reichs- und polisübergreifende Konzeptionen: Koine Eirene und bellum iustum47
4. Bünde50
4.1 Vorbemerkungen50
4.2 Amphiktyonie51
4.3 Symmachie53
4.4 Der Peloponnesische Bund56
4.5 Der Hellenenbund zur Abwehr der Perser von 481 v.Chr.59
4.6 Die athenischen Seebünde 478–404 v.Chr. und 377–336 v.Chr.61
4.7 Die griechischen Bundesstaaten des 4. und 3. Jahrhunderts v.Chr.66
4.8 Das römische Bundesgenossensystem69
5. Reichsbildung72
5.1 Vorbemerkungen72
5.2 Das Alexanderreich73
5.3 Die hellenistischen Reiche und das „Gleichgewicht der Mächte“77
5.4 Der römische „Imperialismus“: die Reichsbildung seit 264 v.Chr.80
5.5 Das Imperium der Kaiserzeit85
II. Grundprobleme und Tendenzen der Forschung90
1. Forschungstendenzen/ Forschungsgeschichte90
2. Griechische und römische Frühzeit98
2.1 Homerische Zeit (ca. 800–600 v.Chr.)99
2.2 Römische Frühzeit (8.–4. Jahrhundert v.Chr.)103
3. Auflenpolitik, interpolitische Beziehungen und Völkerrecht110
3.1 Forschungstendenzen und Begrif.ichkeit110
3.2 Autonomie, Souveränität, Völkerrechtssubjektivität114
3.3 Krieg und Frieden116