: Otto Eicke
: Die Verschwörung der Schatten
: Karl-May-Verlag
: 9783780216250
: 1
: CHF 12.40
:
: Spannung
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Karl May hat die Abenteuerhandlung der beiden ersten Bände von"Im Reiche des silbernen Löwen" nie zu Ende geführt, da er sich ab 1900 seinem symbolischen Spätwerk zuwandte. Etliche in den Bänden 26 und 27 der Gesammelten Werke geknüpfte Fäden blieben daher lose und viele Fragen offen. Otto Eicke (1889-1945) gelang eine kongeniale Fortführung des Stoffes. Nun erscheint dieser wunderbare Abenteuerroman im Stile Karl Mays als Sonderband - zur Freude vieler Leser, die wissen wollen, wie die Geschichte um die Verschwörung der"Schatten" weitergeht. Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar setzen ihre Suche nach dem persischen Edelmann Dschafar Mirza fort und stecken bald wieder im schönsten Abenteuer. Die Helden bekommen es mit den"Sillan" oder"Schatten" zu tun, einem undurchsichtigen Geheimbund. Da taucht noch Sir David Lindsay auf, der ebenfalls mit den"Schatten" aneinander geriet. Auch der verschollene Dschafar Mirza und die ebenso schöne wie mysteriöse Prinzessin Gul-i-Schiras scheinen in die Vorgänge verstrickt zu sein. Bevor die Freunde die Zusammenhänge aufdecken können, müssen sie mehr als einmal Leib und Leben riskieren. Mit einem Nachwort von Christoph F. Lorenz.

2. Die ‚Unsichtbaren‘


Am andern Tag ritten wir auf leidlich gebahnten Pfaden den Bergen zu, über die unser Weg nach dem persischen Hochland führte. Halef wandte sich bisweilen im Sattel zurück. Dann ließ er wieder den Blick nach den fernen Gipfeln schweifen und atmete tief wie einer, der eine Last von sich abgleiten fühlt. Er, der sonst allzeit Redselige, war auffällig schweigsam. Es musste ihn ein Gedanke beschäftigen, der Zeit brauchte, sich in seinem Kopf zu gestalten.

Und richtig! Als der Weg eine Krümmung machte, die uns den Blick auf die tiefer liegende Küstenlandschaft freigab, warf er die Rechte freudig in die Luft und strahlte mich an.

„Hamdulillah! – Preis und Dank sei Allah, dass endlich diese Niederungen des Fiebers und diese Ebenen der bösen Dünste überwunden sind! Mein Geist frohlockt und mein Körper dehnt sich wieder frei wie die Blüte des roten Mohns, wenn sie die Knospenhülle gesprengt hat. Fühlst du nicht auch, Sihdi, wie rein hier oben die Luft ist?“

„Gewiss“, nickte ich. „An der Küste ist kein gesundes Hausen. Hoffentlich zeigt sich bei uns nicht nachträglich noch eine schlimme Folge unseres kurzen Besuchs da unten.“

„O Sihdi, meine Gesundheit ist so frisch wie der Tag bei Sonnenaufgang und so unverwüstlich wie ein Gebetsteppich aus Farsistan33, und ich hoffe, du wirst die deinige nicht geringer einschätzen.“

Ich lächelte. Er aber deutete das Lächeln falsch und zog die Brauen hoch.

„Ich sehe in deinen Augen die Funken des Gelächters und in deinem Gesicht die Falten der Heiterkeit, Sihdi. Willst du in die Untugend der Zaghaftigkeit und in das Laster der Undankbarkeit verfallen, in dem du deiner und meiner Gesundheit misstraust? Erinnere dich, was wir ihr zugemutet haben und welche Probleme sie schon bestanden hat!“

„Hm! Denk an die Tage mit Hassan Ardschir Mirza, an unsere Krankheit bei den Ruinen des Turms zu Babel!34 Da hatte die Pest unsere Gesundheit in den Krallen wie der Geier die Taube und...“

„Grad daran denke ich“, unterbrach er mich. „Der Geier konnte die Beute nicht halten und die Taube flog froh und lebendig davon. Hast du das vergessen, Sihdi?“

„Ich weiß es. Der Allmächtige rettete uns damals aus schwerster Gefahr. Hoffen und vertrauen wir, dass er seine Hand auch ferner über uns hält!“

Das sagte ich nicht ohne Grund. Ich wusste, dass bisweilen schon ein Aufenthalt von wenigen Stunden in diesen ungesunden Küstenstrichen genügt, um auch in einen widerstandsfähigen Körper den Keim des tückischen Fiebers zu verpflanzen. Noch lag kein Anzeichen vor, das meine Bedenken gerechtfertigt hätte. Im Laufe des Tages aber wuchs meine Besorgnis. Ich selber spürte, obwohl die Sonne beträchtlich warm auf unseren schattenlosen Pfad niederbrannte, von Zeit zu Zeit ein leises Frösteln, das mir eine Gänsehaut über den Leib jagte, und Halef griff bisweilen nach seiner Stirn, als gelte es, dort etwas wegzuwischen, was ihm Unbehagen verursachte.

„Hast du Kopfschmerzen?“, fragte ich ihn, als er die verdächtige Gebärde immer und immer wiederholte.

„Wo denkst du hin, Sihdi?“ Dabei richtete er sich stramm im Sattel auf. „Ich bin Hadschi Halef Omar, der oberste Scheik der H