1. KAPITEL
Xandra Bennett.
Er könnte wetten, dass sie ihren Namen geändert hatte, weil das mehr nach erfolgreicher Marketingfrau klang als einfach nur „Sandra“. Hoffentlich steckte hinter dem hochtrabenden Namen auch echtes Können. Vielleicht. Jedenfalls schien die Personalvermittlungsagentur viel von ihr zu halten, da man ihr in allerletzter Minute einen Vorstellungstermin bei Field’s verschafft hatte. Dennoch war Jordan nicht in Stimmung für eine Glamourfrau, nachdem er sich schon den ganzen Tag die mehr oder weniger brillanten Ideen von Bewerbern hatte anhören müssen, die erpicht auf den Posten des Marketingleiters beim angesehenen Kaufhaus Field’s waren.
Nur noch ein Vorstellungsgespräch, tröstete er sich. Das Letzte. Danach kann ich weiterarbeiten.
Seine persönliche Assistentin öffnete die Tür. „Ms Bennett.“
Dann betrat Xandra Bennett sein Büro, und ihm stockte der Atem.
Es warsie.
Von allen Kaufhäusern der Welt kam sie ausgerechnet in seins.
Neuer Name, andere Frisur, Kontaktlinsen statt Brille … doch sie war es. Alexandra Porter. Jordan war wie elektrisiert. Das letzte Mal hatte er sie gesehen, als sie achtzehn und unerhört schüchtern war. Das mausbraune Haar reichte ihr fast bis zur Taille, wenn sie es offen getragen statt streng zu einem Zopf geflochten hatte. Und wie eine typische Achtzehnjährige hatte sie auch ausgesehen … Schlabberlook, verwaschene Jeans und Schlabberhemden, die ihre Rundungen verbargen.
Jetzt war sie von oben bis unten perfekt gestylt. Das betont schlichte Kostüm umspielte dezent ihre Kurven, die kupfer- und goldfarbenen Strähnchen des kinnlangen Pagenschnitts sahen so natürlich aus, als hätte die Sonne sie dorthin gezaubert. High Heels verliehen ihr endlos lange Beine … und dieser Mund! Selbst jetzt jagte er Jordan Schauer über die Haut.
Schnell verdrängte er die unwillkommenen Gedanken. Er wollte nicht an Alexandra Porter und ihren vollen, sinnlichen Mund denken – und wie er ihr einst das Küssen beigebracht hatte.
Nur ein kurzer Augenblick und sie hatte sich wieder gefangen, doch Jordan ahnte, wie schockiert sie war. Auch sie hatte ihn erkannt, schien ebenfalls nicht darauf vorbereitet zu sein, ihn hier anzutreffen. Oder doch? Ihr traute er alles zu. Er hatte entdecken müssen, dass sie ihn belogen und hintergangen hatte, und Charakterzüge änderten sich nicht. Hatte sie ihn wegen Bennett verlassen? Oder den auch, sobald sie einen Mann gefunden hatte, der ihr mehr bieten konnte?
Sollte er ihr einfach erklären, die Stelle sei bereits vergeben, die Bewerberauslese sei abgeschlossen? Aber das müsste er seinen Partnern gegenüber begründen, und das wollte er nicht.
Jordan Smith.
Alexandra fühlte sich elend. Er war der Letzte, den sie hier erwartet hatte. Vor zehn Jahren hatte sie sich geschworen, nie mehr etwas mit ihm zu tun zu haben. Niemals würde sie ihm verzeihen, dass er nicht da gewesen war, als sie ihn am meisten gebraucht hatte. Er hatte sie belogen. Im Stich gelassen. Jahre hatte sie gebraucht, um sich ein neues Leben aufzubauen. Und nachdem sie nun kurz vor der Erfüllung all ihrer Träume stand, stellte er sich ihr erneut in den Weg.
Der groß gewachsene, schlaksige Student von damals war muskulöser geworden, doch keineswegs dick – seine Schultern waren breiter, die ganze Gestalt eindrucksvoller. Und sein Mund war immer noch so sinnlich und versprach höchste Wonnen – an die sie lieber nicht denken wollte.
Statt abgewetzter Jeans und T-Shirts, in denen er damals herumgelaufen war, trug er jetzt einen Designeranzug mit handgearbeitetem Hemd und Seidenkrawatte. Die dunklen Schläfen waren leicht angegraut. Und er strahlte Erfolg und Macht aus … ein rundherum umwerfender Mann, dem die Frauen reihenweise zu Füßen sinken mussten.
Und – als Chef des Kaufhauses Field’s würde Jordan Smith entscheiden, ob sie den Posten bekam.
Was nun? Würde er sie abblitzen lassen, weil sie ihn ständig an seine Schuld erinnerte …? Oder würde er ihr den Posten geben – auch wenn sie nicht die Topwahl war –, weil er glaubte, ihr das schuldig zu sein, nachdem er vor Jahren ihr Leben zerstört hatte? Und falls er ihr den Posten anbot … würde sie ihn annehmen? Immerhin wusste sie, dass sie dann ständig mit ihm zusammenarbeiten musste.
Neue Fragen stürmten auf Alexandra ein. Ihr wurde bewusst, dass jemand etwas gefragt hatte und auf ihre Antwort wartete. Na toll! Jetzt würden sie denken, sie könnte sich nicht konzentrieren! Im Geist sah sie ihre Felle bereits davonschwimmen. Na gut. Jetzt hatte sie kaum noch etwas zu verlieren. Am besten, sie betrachtete die Bewerbung als nützliche Erfahrung für künftige Vorstellungsgespräche. Statt ihre Wunden zu lecken, war es ratsam, ihren Auftritt kritisch unter die Lupe zu nehmen, um in Zukunft besser gerüstet zu sein.
„Tut mir leid, aber würden Sie das bitte wiederholen?“ Alexandra lächelte dem älteren Beisitzer entschuldigend zu.
Er erwiderte das Lächeln. „Ich bin Harry Blake, der Personalchef. Und neben mir sitzt Gina Davidson, unsere stellvertretende Geschäftsführerin.“ Er schwieg kurz, sodass Alexandra ihnen zur Begrüßung die Hand schütteln konnte. „Und das ist Jordan Smith, der Geschäftsführer.“
Jordan war erst zweiunddreißig, etwa zwanzig Jahre jünger als seine Kollegen. Wie hatte er es geschafft, in dieser traditionsverhafteten Firma eine Blitzkarriere hinzulegen?
Dumme Frage. Natürlich hätte er sich überall nach oben katapultiert. Er war schon immer brillant gewesen, deshalb hatte sie ihn als junges Mädchen so unwiderstehlich gefunden. Und natürlich auch, weil er fantastisch aussah. Er war ein Kenner der europäischen Kulturgeschichte, besonders der alten Griechen und Römer, und beherrschte nicht nur drei Fremdsprachen, sondern auch Shakespeares Gesamtwerk … als sie noch davon geträumt hatte, Vorlesungen über die Rolle des Theaters in der Renaissance zu halten. Ihre Träume waren geplatzt, und auch …
Alexandra verdrängte die Erinnerungen und riss sich zusammen.
Was blieb ihr anderes übrig, als Jordan höflich zu begrüßen? Sie zwang sich, seinen Händedruck möglichst kurz und geschäftsmäßig zu erwidern und das Prickeln zu ignorieren, das sie bei der Berührung überlief. Doch dann beging sie den Fehler, ihm in die Augen zu sehen.
Mitternachtsblau. Sein Blick ging ihr durch und durch. Es waren seine Augen gewesen, die sie gleich bei der ersten Begegnung in ihren Bann gezogen hatten. Siebzehn war sie damals gewesen … und noch nie geküsst worden. Bis zu dem Abend, als Jordan einfach zu ihr, dem ungelenken, schüchternen Mädchen mit dem mausbraunen Haar und der Brille herübergekommen war, um sie anzusprechen. Dann hatte er mit ihr getanzt.Sie geküsst.
Alexandra atmete tief ein und blickte zur Seite. Das war Vergangenheit. Aus und vorbei.
Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, fiel Jo