1. KAPITEL
Angie Littlewood blickte überrascht von ihren Notizen auf. Hatte sie da gerade etwas gehört? Wie die anderen Forscher und Wissenschaftler, die hier unten in dem Gewölbe unter dem archäologischen Museum arbeiteten, wusste sie die Ruhe zu schätzen. Doch jetzt kündigten schnelle Schritte, die von der Steintreppe herüberhallten, die in die dunkle Gruft führte, Besuch an. In der Tür erschien die Museumsdirektorin Helen Knightley. Sie blickte Angie beunruhigt an.
„Was ist passiert, Helen?“, fragte Angie.
„Ich weiß nicht, wie ich es dir beibringen soll“, begann Helen.
Angie befürchtete sofort, ihrer Mutter sei etwas zugestoßen. Nach dem schmerzlichen Ereignis vor sechs Monaten wagte Angie kaum noch, sie allein zu Hause zu lassen.
„Du hast Besuch“, antwortete Helen.
Angie seufzte leise auf, während sie das Tongefäß zur Seite legte, das sie gerade auf sein Alter prüfte, und stand von ihrem Arbeitsplatz auf. „Ist es wieder meine Mutter? Ich habe ihr oft genug erklärt, sie könne nicht einfach unangemeldet …“
„Nein“, unterbrach Helen sie, doch bevor sie weitersprechen konnte, betrat ein Mann den Raum.
Sekundenlang betrachtete Angie seine attraktiven Züge, die seltsam kalt wirkten, und seine athletische Gestalt und verglich ihn insgeheim mit einem griechischen Gott. Prompt stieg ein beunruhigendes Bild vor ihr auf. Sie stellte sich vor, dass seine nackte muskulöse Brust in der Sonne bronzefarben glänzte, während er …
„Angie?“
Helens Stimme riss sie aus den Gedanken. Dieser Mann war offenbar eine prominente Persönlichkeit, denn er strahlte Macht und Autorität aus. Zwei andere Männer, vermutlich Leibwächter, waren ihm gefolgt und hatten sich nun eindrucksvoll hinter ihm postiert. War er ein Sponsor? Obwohl Angie sich lieber ihrer Arbeit gewidmet hätte, war ihr klar, dass Stellen wie ihre nur dank großzügiger Spenden von Privatleuten und Firmen finanziert werden konnten. Es war wichtig, einen guten Eindruck zu machen. Also ging sie lächelnd auf ihn zu.
Sie hatte in Oxford studiert und promoviert, sprach fünf Sprachen fließend, darunter Griechisch, und konnte die besten Zeugnisse vorweisen. Nur auf solche Qualitäten kam es einem möglichen Sponsor an. Schönheit war hier nicht gefragt.
„Es freut mich, Sie kennenzulernen“, begrüßte sie den Fremden.
Er schüttelte ihr die Hand. „Sie sind Miss Littlewood, nehme ich an.“ Seine Stimme klang fest, und er sprach mit leichtem Akzent.
Angies Gedanken schweiften erneut ab, und sie überlegte, mit welchem griechischen Gott er mehr Ähnlichkeit hatte, mit Apoll oder Ares?
„Das ist Nikos Kyriacou, der Präsident von Kyriacou Investments“, stellte Helen ihn vor.
Ein Grieche? Angie lächelte. Der Vergleich mit einem griechischen Gott war wohl gar nicht so abwegig. Erst nach und nach drang der Name in ihr Bewusstsein. Nikos Kyriacou! Von Kyriacou Investments hatte Angie noch nie etwas gehört, aber in den letzten sechs Monaten hatte ihre Mutter oft genug von Nikos Kyriacou gesprochen.
Helen spürte offenbar, wie gespannt die Atmosphäre auf einmal war. Sie räusperte sich. „Vielleicht sollten wir …“
„Lassen Sie uns allein“, unterbrach Nikos Kyriacou sie hart und unhöflich. „Ich möchte mit Miss Littlewood unter vier Augen sprechen.“
„Aber …“
„Es ist in Ordnung, Helen“, behauptete Angie. Insgeheim wusste sie jedoch, dass nichts in Ordnung war. Ihre Knie zitterten, und sie wollte mit diesem Mann nicht allein sein. Sein unhöfliches Benehmen überraschte sie nicht. Zweifellos war er ein rücksichtsloser und gefühlloser Mensch. Man konnte ihn mit Ares, dem attraktiven, aber kalten griechischen Kriegsgott, vergleichen, der den Menschen Tod und Verderben gebracht hatte.
Sie straffte die Schultern und wappnete sich für die bevorstehende Auseinandersetzung. Während sie ihn unverwandt ansah, spürte sie die Kälte und Rücksichtslosigkeit, die er ausstrahlte. Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen. Doch dann erinnerte sie sich an ihre Schwester und an ihre Mutter … und an ihr Schicksal, das eng mit Nikos Kyriacou verbunden war.
Wie oft hatte sie sich schon vorgestellt, was sie diesem Mann alles an den Kopf werfen würde, falls sie ihm jemals begegnen sollte.
Warum sollte sie sich davor fürchten, mit ihm allein zu sein? Er hatte ihre Familie ins Unglück gestürzt. Etwas Schlimmeres konnte er ihr nicht antu