1. KAPITEL
Scheich Nadim Bin Kalid Al Saqrs wache, dunkle Augen verfolgten das im wilden Galopp dahinfliegende Pferd. Er war wie geblendet, nicht nur von der Schönheit und Eleganz des jungen Zuchtfohlens, sondern auch von dem satten Grün der Landschaft rings herum. Der feine Sprühregen ließ an diesem ungewöhnlich milden Septembertag die Konturen der Umgebung verschwimmen.
Als ein Mann der Wüste, der an karge Vegetation und schroffe Felsen gewöhnt war, überraschte es ihn, dass die fremde Landschaft so viel Wohlwollen in ihm hervorrief. Mehr noch, er fühlte sich geradezu berauscht von all der Üppigkeit und Frische hier.
Bisher war er immer dankbar dafür gewesen, dass er seine Assistenten hinaus in die Welt schicken konnte und nicht selbst auf Reisen gehen musste. Stattdessen hatte er sich lieber ganz auf die Pferdezucht auf der arabischen Halbinsel konzentriert. Doch nun sollte es darum gehen, einen neuen Standort in Europa zu finden, und er selbst hatte sich für Kildare entschieden,die irische Hauptstadt für die Aufzucht und Ausbildung von Rassepferden.
Kein wirklicher Experte konnte die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die besten Zuchtpferde, Züchter und Trainer nun einmal aus Irland kamen. Der Mann neben ihm, dessen gerötete Gesichtshaut auf mehr als nur ein kleines Alkoholproblem schließen ließ, war einst einer der ganz Großen seines Fachs gewesen. Ein Trainer von Weltformat. Doch dann, ganz plötzlich, hatte er sich aus dem Geschäft zurückgezogen.
Ein gespanntes Schweigen lag zwischen den beiden Männern, doch Nadim nahm sich die Zeit, das Fohlen in Ruhe zu betrachten.
Sein Blick glitt vom Pferd hinauf zum Reiter. Nicht nur das Tier war etwas ganz Besonderes. Auch derjenige, der es trainierte, musste sehr talentiert sein und all sein Herzblut dafür geben. Selten hatte Nadim einen so versierten – und dazu noch so jungen – Reiter gesehen. Auch nicht in den Reihen seiner eigenen Leute. Der junge Mann mochte vielleicht gerade einmal achtzehn Jahre alt sein, sehr schlank und hochgewachsen. Doch er legte eine Ausdauer und einen Ehrgeiz an den Tag, die von wahrer Hingabe, Mut, aber auch Erfahrung zeugten.
Der ältere Mann neben ihm trat nervös von einem Bein auf das andere, sodass Nadim endlich sein Urteil verkündete: „Er ist einfach unglaublich.“
„Nicht wahr?“, Paddy O’Sullivans Stimme war die große Erleichterung anzuhören. „Ich bin davon ausgegangen, dass Sie es gleich bemerken würden.“
Der junge Hengst war der Hauptgrund für Nadims Besuch in Irland – und für seinen Wunsch Paddy O’Sullivans heruntergewirtschaftetes Gestüt zu übernehmen.
„Unmöglich, es nicht zu bemerken“, murmelte der Scheich und verfolgte weiter mit den Augen jede anmutige Bewegung des jungen Pferdes. Im Geiste malte er sich bereits aus, wie wohl die zukünftigen Nachfahren dieses Hengstes aussehen würden.
Nadim hatte vor einigen Monaten seinen erfahrensten Berater nach Irland geschickt, damit dieser die Lage hier sondieren konnte. Und er hatte diesen Hengst und dieses Gestüt entdeckt. Was für ein Potenzial! Die Ställe und Ausbildungsareale lagen etwa zwei Meilen vom Haupt