1. KAPITEL
Endlich! Es gehörte ihm … oder zumindest fast.
Morgen würde er die Papiere unterzeichnen, die das Flagship-Hotel in Palermo von Corretti Enterprises zu Corretti International transferierten. Bei diesem Gedanken spielte ein zynisches Lächeln um Angelo Correttis Mund: Der familieneigene Besitz wechselte von einem Corretti zum anderen, auch wenn das nicht jeder so sah.
Lässig schlenderte er durch die Lobby, wobei ihm nicht entging, wie sich die Augen der Hotelpagen weiteten, bevor sie Haltung einnahmen. Die Empfangsdame, eine Frau mittleren Alters, beobachtete ihn angespannt von ihrem Platz hinter der Rezeption – offensichtlich bereit, auf den leisesten Wink in Aktion zu treten. Man hatte ihm das Hotelpersonal noch nicht offiziell vorgestellt, doch er zweifelte nicht daran, dass inzwischen jeder wusste, wer er war. Immerhin ging er hier seit mehr als einer Woche ein und aus. Die Meetings mit den Hauptaktionären – in Abwesenheit ihres Geschäftsführers – waren anstrengend, aber von Erfolg gekrönt gewesen. Und ob es ihnen passte oder nicht, sie mussten ihm als Mehrheitseigner die Führung des Hotels übertragen.
Am Ende war es lächerlich einfach. Man überlasse die Correttis eine Weile sich selbst, und sie entzweien sich ganz von allein. Sie können gar nicht anders.
„Signor … Corretti?“ Die Rezeptionistin hatte sich hinter dem Tresen hervorgewagt, ihre Absätze klackerten auf dem Marmorboden des eleganten Foyers. Natürlich entging Angelo nicht, wie sie über seinen Namen stolperte. Jeder hier kannte die Correttis, eine der mächtigsten und skandalträchtigsten Familien Siziliens. Und für sie gehörte er nun mal nicht dazu, obwohl … irgendwie war er schon einer von ihnen.
Seine Mundwinkel sanken nach unten, während die altvertraute Bitterkeit in ihm aufstieg. Eines stand fest: Eine offizielle Anerkennung würde er nie erfahren, obwohl die Umstände seiner Geburt nicht geleugnet werden konnten. Als kleiner Junge hatte er gelitten, aber nicht verstanden. Denn in dem Dorf, in dem er zur Welt gekommen und aufgewachsen war, hatte man Carlo CorrettisBastard wie Abschaum behandelt.
Angelo zwang sich zu einem Lächeln. „Ja?“
„Kann ich irgendetwas für Sie tun?“
Er sah die Unsicherheit in ihren Augen, die Angst, er könnte hier alles umkrempeln. Und einen kurzen Moment war er versucht, genau das zu tun. Jeder, der hier arbeitete, war von den Menschen engagiert worden, die er zutiefst verachtete und in den Ruin treiben wollte. Warum also nicht alle feuern und seine eigenen Leute einstellen?
„Nein, vielen Dank, Natalia“, erwiderte er mit Blick auf das diskrete Platinschildchen am Revers ihres Blazers. „Ich bin auf dem Weg in meine Suite.“ Für heute Nacht hatte er sich ins Penthouse eingemietet, das bislang Matteo Corretti exklusiv genutzt hatte. Zumindest bis derehemalige Hotelchef am Tag der geplatzten Hochzeit zwischen seinem Cousin Alessandro und Alessia Battaglia spurlos von der Bildfläche verschwunden war.
Angelos Blick verdüsterte sich. Selbst wenn Matteo morgen wieder auftauchen sollte, war ihm der Zugang zu seinem Luxusdomizil verwehrt. Kein Corretti, außer ihm selbst, würde je wieder in dieser Suite übernachten.
„Selbstverständlich,Signor Corretti.“
Diesmal kam ihr der Name schon flüssiger über die Lippen, doch das war ein schaler Sieg. Seiner eigenen Ansicht nach war Angelo schon immer ein Corretti gewesen. Darum hatte er sich den Namen sehr früh angeeignet. Und zwar ohne dafür jemals die Genehmigung des Mannes einzuholen, der ihn gezeugt hatte. Davon abgesehen hatte er aufgrund seiner illegitimen Geburt trotzdem jede Menge blaue Augen und blutende Nasen hinnehmen müssen.Maledizione! Er war ein Corretti, und er verdiente es nicht nur, den Namen zu tragen, sondern auch seinerFamilie das Hotel hier und alles andere abzunehmen!
Mit einem kühlen Lächeln und knappen Nicken ließ er die Rezeptionistin stehen, wandte sich der Reihe glänzender Lifts zu und drückte auf den Knopf fürs Penthouse. Zu diesem Zeitpunkt, um kurz vor Mitternacht, war das Hotelfoyer leer, bis auf das Nachtpersonal. Auch die Piazza vor dem Hotel, tagsüber einer von Palermos belebtesten Plätzen, wirkte jetzt völlig verwaist. Das hatte Angelo bereits auf dem kurzen Fußweg von seinem temporären Büro hierher gewundert.
Das oberste Stockwerk bot einen fantastischen Panoramablick über das abendliche Palermo und den Hafen, doch die halbe Nacht am Fenster oder auf der weitläufigen Dachterrasse herumzustehen war eine nicht gerade verlockende Option. Zum Schlafen war Angelo viel zu nervös und aufgekratzt. Selbst in seinen besten Zeiten brachte er es meist auf nicht mehr als zwei, drei Stunden pro Nacht. Den Rest der Zeit schlug er mit Arbeit oder anstrengenden Workouts tot – alles, um Geist und Körper fit und kontinuierlich in Gang zu halten.
Der gläserne Lift beförderte ihn direkt in die Luxussuite, die das gesamte Obergeschoss einnahm. Angelo begutachtete die luxuriöse Ausstattung seiner neuen Behausung: den glänzenden Marmorboden, den schimmernden Kristalllüster, die kostbaren Antiquitäten und Kunstgegenstände. Im gedämpften Licht sah er durch die offene Tür des Master-Bedrooms in dessen Zimmermitte ein King-Size-Bett mit dunkelblauem Seidenüberwurf.
Nachlässig warf er seineKey-Card auf einen Beistelltisch, lockerte die Krawatte und zog das Jackett aus. Zu allem Überfluss kündigten sich auch noch hämmernde Kopfschmerzen an, die sich erfahrungsgemäß in den nächsten Stunden zu einer handfesten Migräne auswachsen würden. Neben Schlaflosigkeit gehörte sie zu dem Preis, den Angelo bereitwillig für den Erfolg zahlte, den er sich durch jahrelange harte Arbeit mehr als verdient hatte. Heute war er extrem wohlhabend und einflussreich und somit auch endlich in der Lage, dem verhassten Corretti-Clan den weichen, roten Teppich unter den Füßen wegzuziehen.
Rastlos durchquerte Angelo den eleganten Wohnraum, der für seinen Geschmack viel zu überladen war mit seinen verspielten Tischchen, zierlichen Stühlen und urnenähnlichen Gefäßen auf vergoldeten Sideboards. Als Erstes würde er im gesamten Hotel das spießige Interieur durch moderne Möbel mit klaren Linien ersetzen. Der staubige Charme vergangener Jahrhunderte passte vielleicht zu den alt eingesessenen, von Skandalen gebeutelten Correttis, aber nicht zur neuen Generation, wie er sie vertrat.
Der Kopfschmerz nahm zu, doch diesmal wollte Angelo sich nicht mit Arbeit ablenken. Nicht am Tag seines Siegs, der gefeiert werden sollte. Doch leider kannte er hier niemanden. In den achtzehn Jahren seines Lebens, die er in Sizilien gewesen war, hatte er sich keine Freunde gemacht … nur Feinde.
Das stimmt nicht ganz, meldete sich eine Stimme in seinem Innern. Das Bild, das plötzlich vor seinen Augen entstand, war überraschend klar und ließ ihn innehalten.
Lucia. Er versuchte, die Gedanken an sie zu verdrängen, um sich nicht erinnern zu müssen. Denn Erinnerungen waren qualvoll. Sie weckten ungebetene Emotionen: Reue und Scham. Verlangen, verbotene Wünsche …
In seinem Leben gab es keine Reue. Eine derartige Schwäche konnte er nicht akzeptieren. Auch nicht, was die eine Nacht betraf, in der er sich in ihre willigen Arme geflüchtet hatte, um zu vergessen, wer er war odernicht war.
Lucia Anturri, die Tochter der Nachbarn, die ihm von kleinauf wie ein Hündchen gefolgt war. Die er entweder geneckt oder ignoriert hatte, und die ihn für wenige, selige Stunden all seine Wut, seinen Schmerz und die innere Leere hatte vergessen lassen. Damals war sie unschuldige Siebzehn gewesen, mit einem süßen Gesicht und klaren blauen Augen, durch die man bis in ihr Herz schauen konnte.
Sie hatte noch geschlafen, als er sich am frühen Morgen aus ihrem Bett stahl, um nach New York zurückzukehren. Zurück in sein Leben, in dem es kein Vergessen gab – keines geben durfte, nicht einmal für eine Nacht!
Wieder stieg die alte Bitterkeit in ihm hoch. Angelo fluchte lautlos und zerrte ungeduldig an