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Laurie Moran blieb auf dem Weg zu ihrem Büro im Rockefeller Center 15 stehen und bewunderte das gold-rote Blütenmeer in den Channel Gardens. Diese Gärten, benannt nach dem Ärmelkanal, weil sie das British Empire Building vom Maison Française trennten, erstrahlten in üppiger Farbenpracht. Die blühenden Tulpen konnten es natürlich nicht mit dem Weihnachtsbaum aufnehmen, der im Winter auf diesem Platz aufgestellt wurde, aber Laurie erleichterten sie den Abschied von ihrer liebsten Jahreszeit. Während sich viele New Yorker über die Touristenhorden beklagten, die während der Weihnachtsfeiertage in die Stadt einfielen, genoss Laurie vor allem die kalte Luft und die festliche Dekoration.
Vor dem Lego-Store fotografierte ein Vater seinen Sohn neben einem Riesendinosaurier. Ihr Sohn Timmy musste auch immer unbedingt in den Laden und die neuesten Sachen inspizieren, wenn er sie im Büro besuchte.
»Wie lange haben die gebraucht, bis sie ihn gebaut haben, Dad? Wie viele Steine braucht man dafür?« Der Junge sah zu seinem Vater auf, als verfüge dieser über alles Wissen der Welt. Laurie versetzte es einen Stich. Auch Timmy hatte Greg immer so angesehen, mit der exakt gleichen Erwartungshaltung. Sie sah, wie der Vater sie bemerkte, und wollte sich schon abwenden.
»Entschuldigen Sie, aber könnten Sie vielleicht ein Foto von uns machen?«
Die siebenunddreißig Jahre alte Laurie wusste, dass sie über eine freundliche Ausstrahlung verfügte. Sie war schlank, hatte honigfarbene Haare und haselnussbraune Augen und wurde gemeinhin als »gut aussehend« und »elegant« beschrieben. Die Haare hatte sie meistens zu einem einfachen schulterlangen Pferdeschwanz gebunden, mit Make-up gab sie sich nur selten ab. Sie war attraktiv, ohne einschüchternd zu wirken; der Typ Frau, den man nach dem Weg fragte oder, wie in diesem Fall, darum bat, ein Foto zu machen.
»Natürlich«, sagte sie.
Der Mann reichte ihr sein Handy. »Man kann mit dem Ding ja eine Menge anstellen, aber unsere Familienfotos sind alles nur noch Selfies. Wäre nett, wenn wir den anderen mal was zeigen könnten, was nicht aus einer Armlänge Entfernung aufgenommen wurde.« Er zog seinen Sohn zu sich, und Laurie trat einen Schritt zurück, um den gesamten Dinosaurier mit aufs Bild zu bringen.
»Und jetzt: Bitte lächeln!«, forderte sie die beiden auf.
Sie grinsten bis über beide Ohren. Vater und Sohn, dachte Laurie wehmütig.
Der Vater dankte ihr, als sie ihm das Handy zurückgab. »Ich hätte gar nicht gedacht, dass die New Yorker auch so nett sein können.«
»Ich kann Ihnen versichern, die meisten von uns sind ziemlich nett. Wenn Sie hier in New York nach dem Weg fragen, werden Ihnen neun von zehn gern weiterhelfen«, antwortete Laurie im Brustton der Überzeugung.
Sie verabschiedete sich von den beiden, dann überquerte sie die Straße und betrat die Räumlichkeiten der Fisher Blake Studios. Im vierundzwanzigsten Stock stieg sie aus dem Aufzug und eilte zu ihrem Büro.
Grace Garcia und Jerry Klein saßen schon an ihren Plätzen. Als Grace Laurie bemerkte, sprang sie auf.
»Hallo, Laurie.« Die sechsundzwanzigjähri