Trash-Kids
Trafalgar Square, London
Donnerstag,11:30 Uhr
Polizisten!
Wie viele?
Zwei im Norden, drei im Süden.
Sind die ein Problem?
Hoffentlich nicht. Wir werden sie im Auge behalten. Wenn es aussieht, als würden sie Ärger machen, gehen wir woandershin.
Doch Ricky Mahoney wollte nirgendwo anders hin. Für das, was er vorhatte, war das hier der beste Platz in London.
Ricky war nicht wie andere vierzehnjährige Jungen. Er unterschied sich von ihnen nicht nur durch seine schäbige Kleidung und die Secondhand-Turnschuhe mit den Löchern. Es war auch nicht die Tatsache, dass er die letzten eineinhalb Jahre ohne Erwachsene allein in einem schäbigen Zimmer in einem überfüllten, verfallenen, alten viktorianischen Haus im Nordosten von London gelebt hatte. Auch nicht, dass er nach seiner eigenen Aussage ein Taschendieb und geschickter Einbrecher war.
Es war die Art, wie er mit sich selbst redete, die ihn zu der Ansicht brachte, dass er tatsächlich etwas sonderbar war. Den ganzen Tag besprach er alles mit einem imaginären Komplizen namens Ziggy. Völlig verrückt, aber Ricky war das egal. Denn wenn man keine wirklichen Freunde hatte, dann taten es manchmal auch die imaginären.
Ziggy widersprach gern. Im Augenblick kritisierte er eine von Rickys kleinen Lektionen über die Feinheiten der Kleinkriminalität.
Mann, diese Leute mit den Handys…, meinte Ricky. Er sprach nie laut mit Ziggy, ihre Gespräche fanden immer nur in seinem Kopf statt.
Wieso? Was ist denn mit denen?
Ricky hatte nie ein Handy dabei. Er brauchte keins. Doch wenn er es schaffte, ein vernünftiges Teil zu stehlen, dann kannte er einen Ort im East End, wo er es für bis zu fünfzig Pfund verkaufen konnte. Es kam ihm immer etwas seltsam vor, dass alle so davon besessen waren.
Na ja, wie viele Leute sehen wir hier? Fünfhundert? Und die Hälfte davon starrt auf ihren Bildschirm oder macht Selfies. Im Ernst, ich könnte jeden davon beklauen– das reinste Kinderspiel.
Und warum machst du es dann nicht? Morgen ist die Miete fällig und wir haben seit zwei Tagen nichts gegessen.
Das stimmte. Ricky knurrte der Magen. Er brauchte etwas zu essen.
Er lehnte an einem der steinernen Löwen auf dem Trafalgar Square. Schon vor Ewigkeiten hatte er herausgefunden, dass man dort praktisch unsichtbar war. Und genauso mochte er es. Unsichtbar war gut für einen Taschendieb.
Es waren viele andere junge Leute da. Einige planschten im Springbrunnen herum, andere jagten Tauben über den Platz. Wieder andere latschten hinter ihren Eltern her, als wäre es der langweiligste Tag der Welt.