: Kelli Estes
: Die Seideninsel Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641182496
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Inara Erickson die alte Villa ihrer Tante erbt, kehrt sie nach Jahren wieder auf Orcas Island im Nordwesten der USA zurück. In ihrer Kindheit hatte sie hier ihre Sommer verbracht, ohne zu ahnen, welches Geheimnis das Haus hütete. Nun aber entdeckt Inara unter einer losen Treppenstufe ein seltsames Stück Stoff, kunstvoll mit chinesischen Stickereien bedeckt. Sie scheinen von einer Frau zu erzählen, die im 19. Jahrhundert auf der Insel lebte. Fasziniert beschließt Inara, deren Geschichte zu entschlüsseln, und kommt so dem Schicksal der Chinesin Mei Lien auf die Spur. Doch je mehr sie sich damit befasst, umso tiefer dringt sie in ein dunkles Geheimnis ihrer Familie ein. Bis sie vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens steht ...

Kelli Estes hat in den Steppengebieten Washingtons und Arizonas gelebt, bis sie in die Gegend um Seattle gezogen ist, wo sie auch heute noch mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen lebt. Sie hat Betriebswirtschaft studiert und für einen großen Flugzeughersteller gearbeitet. Ihr Beruf war mit vielen interessanten Dienstreisen, u.a. nach Neuseeland und Europa verbunden. Kellis Liebe galt aber schon immer der Literatur. Deshalb hat sie ihre Anstellung aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben von Romanen widmen zu können.

1

Sonntag, 27. Mai – heute
San Juan Islands, Washington

Inara Erickson stand zusammen mit ihrer Schwester an der Reling und sah zu, wie das Kielwasser der Fähre im Vorüberfahren gegen Decatur Island klatschte. Eine kalte Windböe erfasste sie, und eine Duftmischung aus sonnenwarmen Zedern, feuchtem Moos und würzigem Salz stieg ihr in die Nase. Im Nu reisten ihre Gedanken ein Stück voraus zum Anwesen ihrer Familie und zu allem, was sie dort vor vielen Jahren hinter sich zurückgelassen hatte.

Doch sie war noch nicht bereit, sich den Erinnerungen zu stellen, und so schob sie sie fort und wandte sich ihrer älteren Schwester zu, in dem Versuch, das zittrige Gefühl in ihrem Bauch zu ignorieren. »Liv, ist dir warm genug? Wenn du willst, können wir auch reingehen und eine Tasse Kaffee trinken.«

Der Wind zupfte eine lange blonde Haarsträhne aus Olivias Haarknoten. Sie schob sie sich hinters Ohr und hob das Gesicht der für die Jahreszeit ungewöhnlich warmen Sonne entgegen. »Auf gar keinen Fall, das ist doch himmlisch.« Trotz ihrer Worte raffte sie die Jacke enger um sich und zog die Schultern hoch gegen den beißend kalten Wind vom Wasser.

»Danke, dass du mich begleitest. Meinst du, Adam kommt allein mit den Kindern klar?«

Olivia bedachte Inara mit einem Augenaufschlag, der sagte, dass sie sich heute keine Sorgen um ihre Familie machte. »Die kommen schon zurecht. Ich freue mich, dass du mich gefragt hast, ob ich mitfahre. Nicht zu fassen, dass es neun Jahre her ist, seit wir das letzte Mal da waren.«

Inara nickte und richtete den Blick auf einen Schwarm Schweinswale, die mit der Fähre um die Wette schwammen. Ihre schwarzen gebogenen Leiber tauchten rhythmisch aus den sonnenbeschienenen Wellen und wieder hinein. »Ich hätte Tante Dahlia besuchen sollen, als sie noch lebte, aber …« Sie zuckte die Achseln, denn sie wusste nicht recht, was sie sagen sollte. »Keine Ahnung. Es war wohl zu schwer.«

Olivia legte Inara den Arm um die Schultern und drückte sie. »Ging mir doch auch so … Es war leichter wegzugehen und sich etwas Neuem zuzuwenden.«

Inara schluckte und wollte noch etwas sagen, doch da platzte eine lärmende Gruppe Kinder aus einer Seitentür. Ein Junge, ungefähr zehn Jahre alt, zeigte auf einen Schweinswal und rief: »Seht mal! Ein Killerwal!«

Inara grinste ihre Schwester an. Sie hatten als Kinder die Sommer immer auf Orcas Island verbracht und fühlten sich anderen überlegen, weil sie natürlich viel mehr über Flora und Fauna der Inseln wussten. Schon damals hatten sie sich über Touristen wie diese Kinder amüsiert, die glaubten, an der Fährschiffroute könnten Orcas zu sehen sein. Die Einheimischen wussten, dass die Wale sich westlich der San Juan Islands in der Haro-Straße aufhielten.

»Der ist aber mickrig.« Ein Mädchen, kleiner als der Junge, ihm aber sonst wie aus dem Gesicht geschnitten, stemmte die Fäuste in die Seiten.