Einführung: Teenager sein
Was hatte er sich nur dabei gedacht?
Gerade war mein Sohn von einem Freund nach Hause gekommen – sein bislang wunderschön kastanienbraunes Haar tiefschwarz gefärbt. Obwohl ich innerlich kochte, sagte ich kein Wort.
»Rote Strähnchen will ich auch noch«, verkündete mein Ältester gelassen.
Mir fehlten die Worte.Ist das wirklich mein Kind!? Diese Frage stellte ich mir immer häufiger, seit mein fünfzehnjähriger Sohn Andrew an eine private Highschool in Massachusetts gewechselte war. Dabei bemühte ich mich redlich, immer verständnisvoll zu bleiben. Als geschiedene, berufstätige Mutter von zwei jugendlichen Söhnen verbrachte ich oft viele Stunden in der Kinderklinik von Boston und in der Harvard Medical School, an der ich als Ärztin und Professorin tätig war. Natürlich plagte mich manchmal das schlechte Gewissen, weil ich nicht so viel Zeit mit meinen Jungs verbringen konnte, und deshalb war ich fest entschlossen, eine möglichst gute Mutter zu sein. Schließlich war ich in der Abteilung für Kinderneurologie tätig und befasste mich beruflich eingehend mit der Hirnentwicklung. Junge Gehirne waren also mein Spezialgebiet.
Ganz plötzlich jedoch war aus meinem liebenswerten Erstgeborenen ein vollkommen fremdes, unberechenbares Wesen geworden, das es sich offenbar in den Kopf gesetzt hatte, um jeden Preis anders zu sein als alle anderen. Bis vor Kurzem hatte Andrew eine sehr konservative Middle School besucht, an der die Schüler Jacketts und Krawatten trugen, und ging nun auf eine ziemlich progressive Highschool. Er fühlte sich in seinem neuen Umfeld auf Anhieb sehr wohl und genoss die ungekannten Freiheiten; unter anderem gab es keine Kleidervorschriften, und die meisten Schüler kleideten sich, gelinde gesagt, sehr »unkonventionell«. Andrews bester Freund zum Beispiel hatte eine blaue Stachelfrisur – das sagte doch wohl alles.
Ich atmete also tief durch und versuchte, Ruhe zu bewahren. Mir war klar: Wenn ich mich über das neue Styling aufregen würde, wäre keinem von uns geholfen, sondern ich würde meinen Sohn nur vor den Kopf stoßen. Immerhin hatte er mich im Voraus in seine Pläne eingeweiht, das zeugte von einem gewissen Vertrauen. Diese Chance musste ich beim Schopf ergreifen.
»Was hältst du davon, wenn du dir die roten Strähnchen bei meinem Friseur machen lässt, damit du dir nicht mit Billigprodukten die Haare ruinierst?«, schlug ich vor. Da ich die Rechnung übernehmen würde, war Andrew sofort einverstanden. Und mein Hairstylist, der selbst eine Schwäche für Punkrock hat, war Feuer und Flamme. Er machte seine Sache übrigens sehr gut – so gut sogar, dass Andrews damalige Freundin sich die Haare anschließend ganz genauso färben wollte. Allerdings versuchte sie das in Eigenregie, was erwartungsgemäß nicht ganz zum gleichen Ergebnis führte.
Wenn ich heute an diese turbulente Zeit zurückdenke, wird mir klar, dass ich meinen Sohn damals in vielen Dingen einfach nicht wiedererkannte. (War der unförmige Haufen mitten in seinem Zimmer Kompost oder Kleidung?) Andrew schien im Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein gefangen zu sein, körperlich und intellektuell schon mehr Mann als Junge, aber dennoch hoffnungslos seinen wechselhaften Gefühlen und seinem impulsiven Ver