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DAS LEBEN NIMMT ja manchmal Wendungen, bei denen du dir nicht gleich sicher bist, ob du sie gut finden sollst oder nicht.
Wenn im Haus gegenüber eine phänomenal gute Eisdiele aufmacht, zum Beispiel. Einerseits freust du dich, denn du kannst ab sofort jederzeit Schokoladeneis haben. Extrasahniges Schokoladeneis, dunkel und zart schmelzend und mit himmlischen, verboten großen Schokostückchen. Andererseits ahnst du schon nach der allerersten Kugel, dass dich der Laden entweder verdammt viel Beherrschung kosten wird – oder verdammt viele Kilos.
Oder wenn du einen neuen Online-Shop entdeckst, in dem es Hunderte herzergreifend netter Sachen gibt: Vintage-Schlüsselbretter, herrlich gemütliche Searsucker-Sofakissen oder niedliche Messingclips zum Verschließen offener Gummibärchentüten. Das ist gut für ein wohliges Gefühl – aber nur solange es dir gelingt, nicht auf deine Kontoauszüge zu blicken.
Oder wenn in deiner Firma eine neue Kollegin namens Katha anfängt, die irrsinnig nett und hübsch und witzig ist, und mit der du schon die allererste gemeinsame Mittagspause schwatzend überziehst – herrlich, oder? Auf der anderen Seite ist dein Vorhaben, ab sofort konzentrierter und schneller zu arbeiten, um deinen Hintern nach dem Büro wenigstens hin und wieder zum Laufen zu bringen, damit wohl endgültig dahin.
Wenn du allerdings an einem Donnerstag Anfang Juni vier Stunden früher als geplant von der Arbeit kommst, weil dort der Server ausgefallen ist und Katha und alle anderen Kollegen sowieso mit einer fiesen Sommergrippe darniederliegen, wenn du die Tür der Wohnung aufschließt, in der du seit dreieinhalb Jahren mit einem Mann lebst, von dem du hättest schwören können, dass er dich wirklich,wirklich liebt, wenn du dann aber im Flur stehst, den Schlüssel gerade ans Vintage-Schlüsselbrett hängen willst, die Wohnungstür immer noch offen hinter dir, und du eben diesen Mann vom Wohnzimmersofa her grunzen hörst wie ein Périgord-Trüffelschwein, das gerade den Fund seines Lebens auswühlt, und du im nächsten Augenblick starr vor Schreck siehst, wie sich ein perfekt gerundeter Melonenhintern auf dem Schoß dieses Mannes auf und ab bewegt … dann musst du nicht eine Sekunde lang nachdenken, um sicher zu wissen, dass dieser Moment nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts Gutes in sich birgt.
Denn dann ist klar, dass in haargenau dieser Sekunde der qualvolle Rest deines Lebens beginnt.
Oder, wie meine Freundin Annika sagen würde: Schlimmer geht’s nimmer.
Langsam, wie in Zeitlupe, bewege ich die Hand zum Mund, als würde ich