: Joy Fielding
: Die Schwester Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641189525
: 1
: CHF 8.90
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein kleines Mädchen verschwindet. Ihre Mutter und ihre Schwester bleiben zurück. Und werden Jahre später mit einer Wahrheit konfrontiert, die sie ins Herz der Finsternis führt ...

Caroline Shipley ist voller Vorfreude, denn ihr Mann Hunter hat sie zur Feier ihres Hochzeitstages in ein Luxushotel in Mexiko eingeladen. Gemeinsam mit ihren beiden kleinen Töchtern reisen sie an und beziehen ihre komfortable Suite. Doch was als paradiesischer Aufenthalt geplant war, wandelt sich zum tiefen Trauma in Carolines Leben, von dem sie sich nie erholen wird – denn eines Abends wird die zweijährige Samantha aus der Suite entführt und bleibt für immer verschwunden. Caroline zerbricht beinahe an dem Verlust und muss sich auch noch den Verdächtigungen der Presse stellen, an der Entführung beteiligt gewesen zu sein. Die Jahre vergehen, und irgendwann gibt Caroline selbst den letzten Funken Hoffnung auf, dass Samantha doch noch am Leben ist. Bis sie eines Tages den Anruf einer mysteriösen jungen Frau erhält, die behauptet, ihre verlorene Tochter zu sein – und damit einen Strudel von Ereignissen auslöst, der Caroline die schockierende Wahrheit darüber offenbart, was wirklich geschah in jener heißen Sommernacht in Mexiko ...

Joy Fielding gehört zu den großen Spitzenautorinnen Amerikas. Seit ihrem Psychothriller »Lauf, Jane, lauf« waren alle ihre Bücher internationale Bestseller. Joy Fielding hat zwei Töchter und lebt mit ihrem Mann in Toronto, Kanada, und in Palm Beach, Florida.

KAPITEL 1

Gegenwart

Es war noch nicht mal acht Uhr am Morgen, und schon klingelte das Telefon. Selbst bei geschlossener Badezimmertür und laufender Dusche konnte sie den markanten Drei-Glocken-Klingelton erkennen, der ein eingehendes Ferngespräch ankündigte. Sie beschloss, ihn zu ignorieren, weil es wahrscheinlich sowieso nur ein Telefonverkäufer oder die Presse war. Beide Alternativen waren widerwärtig, aber wenn sie die Wahl hätte, würde Caroline sich für den Telefonverkäufer entscheiden. Telefonverkäufer waren bloß auf ihr Geld aus. Die Presse wollte ihr Blut. Auch nach all der Zeit noch.

Fünfzehn Jahre morgen.

Sie hielt den Kopf unter den heißen Strahl und spürte, wie der Schaum des Shampoos über ihre geschlossenen Augen und Wangen floss. Das konnte nicht stimmen. Wie konnten fünfzehn Jahre endloser Tage und schlafloser Nächte so schnell vergangen sein? Sie hätte gedacht, dass wenigstens die öffentliche Neugier inzwischen abgeflaut wäre. Aber wenn überhaupt, war dieses Interesse mit jedem weiteren Jahrestag eher noch größer geworden. Seit Wochen riefen Reporter an, manche aus so weit entfernten Ländern wie Australien und Japan: Wie war ihr Leben heute? Gab es irgendwelche neuen Spuren? Irgendwelche neuen Männer? Vielleicht einen weiteren Selbstmord? Hatte sie noch Hoffnung, ihre Tochter jemals wiederzusehen? Galt sie für die Polizei immer noch als Verdächtige im Fall des verschwundenen Kindes?

Nur dass Samantha kein Kind mehr sein würde. Sie war kaum zwei Jahre alt gewesen, als sie in einem mexikanischen Luxusresort spurlos aus ihrem Bettchen verschwunden war, während ihre Eltern, wie die Presse zu berichten wusste, »sich mit Freunden in einem Restaurant in der Nähe amüsiert hatten«. Heute wäre ihre Tochter siebzehn.

Vorausgesetzt, dass sie noch lebte.

Und um einige der Fragen zu beantworten: Es gab keine neuen Spuren; sie hatte die Hoffnung nie aufgegeben; es war ihr mittlerweile egal, was die Polizei von ihr dachte; und ihr Leben wäre sehr viel besser, wenn die Geier von der Presse sie verdammt noch mal endlich in Ruhe lassen würden.

Mit gesenktem Kopf griff sie nach oben, um die Dusche abzudrehen, und stellte befriedigt fest, dass das aufdringliche Klingeln aufgehört hatte. Ihr war klar, dass es nur ein vorübergehender Aufschub sein würde. Wer immer angerufen hatte, würde es wieder versuchen. Das war immer so.

Sie trat auf den geheizten grau-weißen Marmorboden ihres Badezimmers, wickelte sich in einen weißen Frotteebademantel und wischte mit einer Hand einen Streifen in den beschlagenen Spiegel über dem doppelten Waschbecken. Sie starrte in die müden grünen Augen einer sechsundvierzigjährigen Frau mit feuchtem braunen Haar, kein Vergleich zu derreservierten Schönheit mit dem gehetzten Blick, die die Zeitungen zum Zeitpunkt von Samanthas Verschwinden beschrieben hatten, wobei sie es irgendwie geschafft hatten, die Wortereserviert undSchönheit hässlich und anklagend klingen zu lassen. Um den zehnten Jahrestag herum war aus derSchönheit eineauffällige Erscheinung geworden,reserviert hatte sich indistanziert verwandelt. Und im vergangenen Jahr hatte ein Reporter sie noch weiter degradiert, zu einerimmer noch attraktiven Frau mit