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Meine Schwester und – danach – ich und mein Bruder wurden einst in recht angenehme Lebensumstände hineingeboren. Zwar gab es auch bei uns immer wieder kleine Veränderungen, doch im Wesentlichen spulte sich unser Dasein mit einer Gleichförmigkeit ab, die ungeheuer bequem war. Das ging so bis zu einem Abend im Jahr 1970, als unsere Mutter mitbekam, was unser Vater so alles am Telefon sagte. Es war etwas, das sie veranlasste, sich ins Geschirrtuch zu schnäuzen – was sie nur im absoluten Notfall tat.
Und am nächsten Morgen, gerade als mein Vater es sich mit der Morgenzeitung bequem machen wollte, nahm sie die Pfanne mit Spiegeleiern von der Flamme und feuerte die Eier unserem Vater an den Kopf. In der Annahme, das Fett sei noch heiß, kreischte er auf wie ein Mädchen und fiel vom Stuhl. Aber meine Mutter war nicht verrückt, und die Spiegeleier waren allenfalls lauwarm, also keine Gefahr. Höflich übersahen wir, wie er einen Moment lang am Boden lag. Dann versuchte er, an die Kaffeekanne zu gelangen, aber da war meine Mutter vor. Leider rutschte sie dabei auf dem nassenDaily Telegraph aus, der sich allmählich in Pappmaché verwandelte, und bald wälzten sich beide in erbitterter Umklammerung auf dem Küchenboden – was übrigens anfangs noch harmlos aussah, eher wie eine Rangelei auf dem Spielplatz. Bedrohlicher war schon, als sie einen Schuh verlor, was nie ein gutes Zeichen ist und darüber hinaus ein bekanntes Motiv aus Märchen und Fernsehkrimis. Der letzte Zweifel schwand, als unser Vater sie mit seinen großen weißen Händen würgte. Da wünschte ich mir, sie hätte die Kraft gehabt, ihn mit einem gekonnten Judogriff auf den Rücken zu werfen und mit ihrem verbliebenen Absatz auf dem Boden festzunageln. Stattdessen musste Mrs Lunt einschreiten und ihm jeden Finger einzeln nach hinten biegen, bis er von meiner Mutter abließ.
Und auf einmal war es 8 Uhr 30, und Bernard, sein Chauffeur, der in einer kleinen Laube bei uns mit auf dem Grundstück wohnte, hatte den Mercedes vorgefahren und hupte. Immer noch wütend, zerzaust und bekleckert, blieb meinem Vater nichts anderes übrig, als sich ins Büro fahren zu lassen. Unterdessen strich sich unsere Mutter das Kleid glatt und goss sich einen Scotch mit Ginger Ale ein. Doch auch sie kehrte nicht an den Frühstückstisch zurück. Sie lächelte nicht, sie weinte nicht, sie sah uns nicht einmal an, sondern war – mit nur einem Schuh – an der Anrichte stehen geblieben, wo sie in ihrer eigenen Welt ihren eigenen Gedanken nachhing.
Am Ende gab es Teegebäck zum Frühstück, denn alles andere war bei dem »Aufstand« (wie Mrs Lunt sich ausdrückte) vernichtet worden. Damals hortete man noch nicht endlos Vorräte, sondern kaufte jeden Tag frisch ein. Oder vielmehr tat die Lunt das.
Wie gesagt, meine Mutter stand an der Anrichte, und nach einem Glas Scotch hatte sie dort so etwas wie eine Eingebung. Jedenfalls lief sie sofort in den Flur, wo sie die Wählscheibe des Telefons betätigte. Nach allem, was passiert war, hörten wir natürlich gespannt zu. Wen würde sie jetzt anrufen? Zur Abwechslung quatschte auch die Lunt nicht dazwischen wie sonst immer, wenn die Kinder etwas nicht hören sollten oder wenn – angeblich – die Privatsphäre meiner Mutter gefährdet war, sondern hatte ihr großes Ohr auf