Lucien Minors Mutter hatte nicht geweint, war den Tränen nicht einmal nah gewesen, als er Abschied nahm. Den ganzen Tag über hatte er einen Kloß im Hals gehabt und jede seiner Bewegungen mit Bedacht getan, als könnten sich bei allzu hektischer Tätigkeit unerwünschte Emotionen Bahn brechen. Frühstück und Mittag hatten sie gemeinsam eingenommen, ohne auch nur ein Wort zu wechseln, und nun wurde es für ihn Zeit, doch konnte er sich nicht von seinem Bett aufraffen, auf dem er lag, voll bekleidet mit Mantel und Stiefeln, die Schaffellmütze tief in die Stirn gezogen. Lucien war siebzehn Jahre alt, und seit er denken konnte, war das hier seine Kammer gewesen. Alles, was er sehen und berühren konnte, weckte verstörende Erinnerungen an seine Kindheit. Als er hörte, wie sich seine Mutter unten in der Küche unbeantwortbare Fragen stellte, drohte die Trauer ihn zu überwältigen. Auf dem Boden neben dem Bett wartete geduldig sein Handkoffer.
Schwungvoll erhob er sich von der Matratze und stampfte dreimal mit den Füßen:wumm, wumm, wumm! Dann packte er den Handkoffer am ledernen Griff, stieg die Treppe hinunter und trat zur Tür hinaus, wo er vor den Stufen der heimeligen Kate stehen blieb, um nach seiner Mutter zu rufen. Diese erschien in der Tür, blinzelte verkniffen und klopfte sich den Mehlstaub von den Händen.
»Ist es an der Zeit?«, fragte sie. Als er nickte, sagte sie: »Na, dann komm mal her.«
Er stieg die fünf knarrenden Stufen zu ihr hinauf. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange, dann schweifte ihr Blick über die Wiese zu den sich türmenden Sturmwolken hinter den Bergen, von denen das Dorf umgeben war. Als sie sich ihm wieder zuwandte, tat sie es mit ausdrucksloser Miene. »Viel Glück, Lucy. Ich hoffe, du wirst diesem Baron zu Diensten sein. Willst du mich wissen lassen, wie es dir ergeht?«
»Das will ich.«
»Nun denn. Leb wohl.«
Sie kehrte in ihre Kate zurück und hielt den Blick gesenkt, als sie die blaue Tür hinter sich schloss. Lucy konnte sich noch gut an jenen Tag erinnern, an dem sein Vater diese Tür gestrichen hatte, zehn Jahre zuvor. Lucy hatte im Schatten eines anämischen Pflaumenbaums gesessen und das undurchschaubare Treiben eines Ameisenhaufens studiert, als sein Vater ihn rief und mit einem Pinsel deutete, dessen Borsten sich zu einem Trichter spreizten: »Eine blaue Tür für einen blauen Jungen.« Während ihm dieser Gedanke kam und er seine Mutter drinnen in der Kate ein lustiges Liedchen summen hörte, legte sich eine drückende Trauer über Lucy. Er sezierte die Sinnlosigkeit dieser Empfindung, denn im Grunde hatte er seinen Eltern nie sonderlich nah gestanden, oder besser gesagt, sie hatten sich nie in der Form um ihn gekümmert, wie er es sich gewünscht hätte, und somit war nie Gelegenheit gewesen, eine enge Bindung herauszubilden. Am Ende schien es ihm, als betrauerte er im Grunde nur den Umstand, dass er nicht viel zu betrauern hatte.
Er beschloss zu verweilen – eine seiner liebsten Beschäftigungen. Er setzte sich auf seinen Handkoffer, schlug elegant die Beine über und holte seine neue Pfeife aus der Jackentasche, mit großer Sorgfalt, ganz so wie man ein Küken halten würde. Diese Pfeife hatte er erst am Tag zuvor erworben, und da er noch nie Pfeife geraucht hatte, stopfte er den nach Schokolade und Kastanie duftenden Tabak gewissenhaft hinein. Er riss ein Streichholz an und paffte, paffte. Von duftendem Rauch umhüllt, kam er sich durchaus malerisch vor und wünschte, jemand würde ihn dabei beobachten und diesbezüg