: Andreas Schorsch
: Da kann ich ja gleich zu Fuß gehen! Neue Geschichten vom DB-Service-Point
: Goldmann Verlag
: 9783641183554
: 1
: CHF 11.70
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: Gesellschaft
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die DB-Information ist das Herz eines jeden Bahnhofs. Und wir, die freundlichen Mitarbeiter, die dort am Tresen stehen, wissen alles. Wir können alles, kennen jeden. So denken es jedenfalls die Zugreisenden. In ihrer Vorstellung haben wir den Bahnchef auf Kurzwahl, einen direkten Draht in jede Behörde der Stadt und das gebündelte Wissen der Welt im Kopf. Wir geben Auskunft zu jedem erdenklichen Thema, seien es komplizierte Verbindungen in die tiefste Provinz, EDV-Probleme oder wie man am besten eine Verabredung übersteht. Das schmeichelt uns natürlich. Deswegen kümmern wir uns gerne. Auch um das Unmögliche und um das, was mit dem Bahnreisen gar nichts zu tun hat. Aber höflich sollten Sie schon sein. Sind Sie es nicht, könnte es kritisch werden. Denn wer weiß schon, wo wir Sie hinschicken – wo Sie doch eigentlich auf direktem Weg nach Hannover wollten?

Andreas Schorsch, geboren 1960 in Düsseldorf, verbrachte nach der Hauptschule lässige 458 Tage beim Bund. Seine Ausbildung zum Fachverkäufer für Schuhmode fand ein abruptes Ende, als er eine Diskussion mit seinem Vorgesetzten nonverbal beendete. Es blieb bis heute sein einziger Sieg durch K.o. Seitdem setzt er sich als Mitarbeiter der Deutschen Bahn wortgewandt und hilfsbereit für die liebe Kundschaft ein.

Die Pünktlichkeitsgarantie

Wir haben einen neuen Stammgast. Willi. Gelassen lehnt er am Tresen, als wäre die Information eine Bar. Willi fährt nie mit der Bahn, angeblich ist er sein gesamtes Leben lang keinen Zug gefahren. Ich glaube das nicht. Annika schon. Annika glaubt grundsätzlich an die Menschen. Eigentlich würde ich Willi gerne mal fragen, was man früher auf dem Schulhof fragte, wenn einer ständig neben einem stand und redete. Da fragte man: »Sag mal, hast du kein Zuhause?« Aber das finde ich zu böse. Fand ich immer schon. Und so ganz unter uns gesagt: Im Grunde mag ich den kleinen Mann. Ich gewöhne mich schnell an Rituale. Ist es einmal da, das neue Ritual, gewöhne ich es mir nur sehr ungern wieder ab. Und Willi, das ist ein Ritual auf zwei Beinen. Zwei kurzen Beinen. Willi bringt es fertig, in noch tieferen Luftschichten zu leben als der kleine Prinz, also mein Chef. Außerdem ist Willi geduldig und brav. Er wartet mit dem Weiterquasseln immer ab, bis ich einen offiziellen Fahrgast abgefertigt habe. So wie jetzt gerade auch. Ich fertige ab, er steht schön still daneben und lauscht.

»Das heißt also, Sie können mir keine verbindliche Auskunft darüber geben, ob die Verbindung von Düsseldorf nach Krefeld im Frühjahr 2017 zuverlässig ist?«

Ich schaue mir den Kunden, der das fragt, in aller Ruhe an. Anfang dreißig, schwarze Anzugschuhe zur Jeans, graues T-Shirt, dunkelblaues Jackett. Zierliche Statur. Die Uhr ist deutlich zu groß für sein schmales Handgelenk. Sie zieht den ganzen Körper links leicht nach unten. Seine Haare hat der spätpubertäre Geschäftsmann unter Einsatz von sehr viel Gel so gestaltet, dass sie aussehen sollen, als sei er gerade aus dem Bett gefallen. Im Winter wird er nach Düsseldorf ziehen, um von unserer schönen Stadt aus täglich zu seinem neuen Job in Krefeld zu pendeln. Da braucht man selbstverständlich Planungssicherheit. Ich verstehe das. Willi rollt dezent mit den Augen.

»Die Verbindung steht«, sage ich.

»Also doch!«, freut sich die Out-of-Bed-Frisur.

»Ja, ja«, sage ich, »täglich mit der NordWestBahn, unserem freundlichen Partner in Gelb und Blau. Oder mit demICE und Umsteigen in Duisburg in die Regionalbahn nach Krefeld. Die Schienen liegen, der Schotter wird so schnell nicht schlecht, und ein, zwei Kunden wollen mindestens jeden Tag nach Krefeld. Da wird der dortige Bahnhof vorerst nicht abgeschafft. Ich gehe demnach stark davon aus, dass die Verbindung auch 2017 noch gegeben ist. Eine Garantie gibt es allerdings nicht.«

»Ja, aber das war doch gar nicht meine Frage!«

Jetzt guckt Out-of-Bed wieder empört. Wüsste ich’s nicht besser, könnte ich schwören, dass eines seiner steil aufragenden Haare gerade wie ein Zweig im Sturm abgeknickt ist. Er wirft seine Hühnerbrust auf die Theke und zeigt seinerseits seitlich auf meinen Bildschirm, den er trotz seiner Bemühungen nicht einsehen kann.

»Meine Frage war: Kann ich sicher sein, dass die NordWestBahn ab dem 1. März 2017 morgens pünktlich kommt und keine Verspät