Der tiefe Fall
Wir haben verloren«, sagte König Fynn und starrte trübsinnig in sein Bier.
Ein Blick in die leere Halle zeigte Skara, dass das nicht zu leugnen war. Dabei hatten noch im letzten Sommer die frisch zusammengetrommelten Krieger mit ihren blutrünstigen Prahlereien, ihren Heldenliedern und den laut beteuerten Versprechen, den Sauhaufen des Hochkönigs ein für alle Mal zu erledigen, die Dachbalken erzittern lassen, dass sie fast einzustürzen drohten.
Wie es bei Männern oft der Fall ist, hatten sie sich im Reden als tüchtiger erwiesen denn beim Kämpfen. Nachdem einige Monate mit faulem Herumsitzen verstrichen waren, ohne dass viel Ruhm und Reichtum errungen worden war, hatten sie sich einer nach dem anderen davongeschlichen. Nur ein kleines Grüppchen Glückloser war zurückgeblieben und scharte sich noch um das große Feuer, dessen Flammen ähnlich schwach glommen wie die Hoffnungen von Throvenland. Der Wald, wie König Fynns Halle dank ihrer vielen Säulen genannt wurde, war einst ein Ort gewesen, an dem sich Scharen von Kriegern gedrängt hatten; jetzt lagerten hier nur noch Schatten. Und Enttäuschungen.
Sie hatten verloren. Und das, ohne überhaupt eine Schlacht geschlagen zu haben.
Mutter Kyre sah das natürlich anders. »Wir haben eine Übereinkunft getroffen, mein König«, verbesserte sie, während sie an ihrem Fleisch knabberte und dabei so lange Zähne machte wie ein alter Gaul, der sich an einen Heuballen wagt.
»Eine Übereinkunft?« Empört stieß Skara ihr Messer in das Essen, von dem sie noch keinen Bissen angerührt hatte. »Mein Vater starb einst bei dem Versuch, Kap Bail zu halten, und jetzt hast du Großmutter Wexen den Schlüssel zur Festung in den Schoß geworfen, ohne dass es überhaupt zu einem Kampf gekommen wäre. Du hast den Kriegern des Hochkönigs freies Geleit durch unser Land versprochen! Wie übel müsste es denn wohl erst um uns bestellt sein, wenn wir deiner Ansicht nach verloren hätten?«
Mutter Kyre sah Skara mit der provozierenden Gelassenheit an, die sie so perfekt beherrschte. »Wenn dein Großvater tot unter seinem Grabhügel läge, die Frauen von Yaletoft über den Leichnamen ihrer Söhne weinten, diese Halle zu Asche heruntergebrannt wäre und du, meine Prinzessin, das Halseisen einer Sklavin trügest, das an den Thron des Hochkönigs gekettet wäre –dann würde ich davon sprechen, dass wir verloren hätten. Deswegen sage ich jetzt:Wir haben eine Übereinkunft erzielt.«
König Fynn, seiner Würde beraubt, war in sich zusammengesunken wie ein Segel ohne Mast. Skara hatte stets geglaubt, ihr Großvater sei so unbesiegbar wie Vater Erde. Sie ertrug es nicht, ihn so zu sehen. Vielleicht wollte sie sich auch einfach nicht eingestehen, wie kindisch ihr uneingeschränktes Vertrauen in ihn gewesen war.
Sie sah zu, wie er noch me