Therapeutische Beziehungsgestaltung
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Rainer Sachse
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Therapeutische Beziehungsgestaltung
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Hogrefe Verlag GmbH& Co. KG
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9783840927188
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2
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CHF 19.90
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Psychologie
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German
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126
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Wasserzeichen/DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Eine tragfähige Therapeut-Klient-Beziehung ist für alle Psychotherapeuten, Psychologen, Ärzte, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen das zentrale Element einer erfolgreichen Therapie. Diese Arbeitsbeziehung muss stets aktiv hergestellt und gestaltet werden. In diesem Band wird zunächst die Wichtigkeit der therapeutischen Beziehung begründet, und es werden verschiedene Beziehungskonzepte diskutiert. Erörtert werden auch der Sinn und die Ziele der Beziehungsgestaltung und ihre therapeutische Funktion. Das Konzept der motivbezogenen komplementären Beziehungsgestaltung wird ebenfalls eingehend erläutert: Ein Therapeut sollte die zentralen Beziehungsmotive eines Klienten verstehen und sich zu diesen im Rahmen der therapeutischen Regeln komplementär verhalten. Die einzelnen Beziehungsmotive und die Arten von Komplementarität werden im Detail dargestellt. Therapeutische Strategien werden erklärt und an Beispielen und einem Transkript veranschaulicht. Schließlich wird auch auf andere Konzepte der Komplementarität eingegangen, und es werden Zusammenhänge und Unterschiede erläutert.
3 Funktionen und Arten der therapeutischen Beziehung
(S. 27-28)
Dieses Kapitel beschreibt, welche Funktionen eine therapeutische Beziehung hat: Sie soll beim Klienten Vertrauen schaffen, Vertrauen in die Person und die Kompetenz des Therapeuten. Der Therapeut soll beim Klienten „Beziehungskredit“ schaffen. Behandelt werden auch die Prinzipien von allgemeiner und komplementärer Beziehungsgestaltung.
3.1 Funktionen
Wie in Kapitel 1 ausgeführt, dient die therapeutische Beziehung immer therapeutischen Zielen. Dabei dient die therapeutische Beziehung im Wesentlichen zwei Prozesszielen der Psychotherapie: Sie dient einmal dazu, eine Grundlage zu schaffen für weitere therapeutische Strategien, für Klärungs- und Veränderungsprozesse; in diesem Fall bewirkt die Beziehung selbst noch keine therapeutischen Veränderungen, schafft jedoch Voraussetzungen für die Wirkung weiterer therapeutischer Vorgehensweisen. Therapeutische Beziehung dient aber zum anderen auch, wenn auch in deutlich schwächerer Weise, als Agens therapeutischer Veränderungen selbst, d. h. sie dient unmittelbar dazu, Veränderungen beim Klienten anzuregen.
Ein wichtiges Ziel der aktiven Beziehungsgestaltung ist auch Ressourcenaktivierung (Flückiger, Wüsten, Zinbarg& Wampold, 2010; Grawe& Grawe-Gerber, 1999; Regli, Bieber, Mathier& Grawe, 2000; Willutzki& Teismann, 2013), wobei auch Ressourcenaktivierung selbst wieder eine Grundlage schafft für die Anwendung weiterer therapeutischer Strategien und bereits selbst Veränderungsprozesse in Gang setzt.
3.1.1 Therapeutische Beziehung als Grundlage von Psychotherapie
3.1.1.1 Was bedeutet „Grundlage von Psychotherapie“?
Klienten kommen in die Psychotherapie und müssen dem Therapeuten mitteilen, was ihr Anliegen ist: Sie müssen über eigene Probleme sprechen, über belastende Erfahrungen, eigene Ängste, Selbstzweifel, peinliche Gedanken usw. Der „tiefere Sinn“ von Psychotherapie ist kein „Friseur-Gespräch“: Er liegt ja gerade darin, solche Themen zu behandeln, die problematisch sind, die der Person unangenehm, peinlich, selbstwertbedrohlich und selbstwertbelastend sind!
Klienten machen solche Themen aber in aller Regel erst dann auf, wenn eine Grundlage in der Beziehung geschaffen ist: Erst dann, wenn ein Klient dem Therapeuten hinreichend vertraut, wird er sich dem Therapeuten öffnen.
Man kann die Ergebnisse der sogenannten „Selbstoffenbarungsforschung“ in der Sozialpsychologie (vgl. Allen, 1974; Altman& Taylor, 1973; Cozby, 1973; Curtis, 1981; Derlega& Berg, 1987; Franzoi, Davis& Markwiese, 1990; Halpern, 1977; Jourard, 1964, 1971; Pennebaker& Francis, 1996; Rubin, Hill, Peplau& Dunkel-Schetter, 1980; Schröder, 2002; Sermat& Smyth, 1973; Wortman, Adesman, Herman& Greenberg, 1976) wie folgt interpretieren:
• Je mehr zwei Interaktionspartner miteinander vertraut sind und je mehr sie sich vertrauen, desto eher öffnen sie sich und gewähren dem anderen Einblicke in peinliche und selbstwertbedrohliche Informationen.
• Eine Person gibt besonders dann viel von sich persönlich preis, wenn sie annimmt, dass der Interaktionspartner sie nicht bewertet oder dass dieser die erhaltene Information nicht gegen sie verwendet.
• Je stärker sich ein Interaktionspartner für eine Person interessiert und je mehr intime Fragen er stellt, desto mehr öffnet sich die Person.
• Personen, die Interaktionspartnern viele vertrauliche Informationen geben und anschließend merken, dass sie dem Interaktionspartner noch gar nicht ausreichend vertrauen, fühlen sich schlecht.
• Verhält sich ein Interaktionspartner einer Person stark zugewandt, interessiert, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person sich öffnet.
• Hohe Selbstöffnung vertieft wiederum die Beziehung und macht sie vertrauensvoller. Diese Bedingungen zur Selbstöffnung spielen auch in der Therapie eine wesentliche Rolle.
Und der Klient wird umso mehr Vertrauen zum Therapeuten benötigen, als je peinlicher und selbstwertbedrohender er die eigentlich zu behandelnden Inhalte, Themen und Probleme einschätzt. Solange der Klient kein oder nur wenig Vertrauen zum Therapeuten hat, wird er diesem nur oberflächliche (Test-)Probleme mitteilen, um festzustellen, ob der Therapeut gut und kompetent damit umgeht. Mit zunehmendem Vertrauen werden die dargestellten Probleme dann persönlicher, zentral und auch relevanter. Das bedeutet aber:
• Wieviel ein Klient dem Therapeuten mitteilt, hängt davon ab, in welchem Ausmaß der Therapeut die Grundlagen dafür geschaffen hat. und
• Die Relevanz und Validität der vom Klienten gegebenen Information hängt vom Stand der Therapeut-Klient-Beziehung ab.
Damit schafft aber Beziehung erst die Grundlage für die Definition relevanter Probleme und die Grundlage dafür, im therapeutischen Prozess überhaupt über Probleme sinnvoll arbeiten zu können.
Therapeutische Beziehungsgestaltung
1
Inhaltsverzeichnis
7
1Die Grundcharakteristika therapeutischer Beziehung
11
1.1Arbeitsdefinition
11
1.2Was ist eine Beziehung?
11
1.3Therapeutische Beziehung
14
1.4Zweck der Beziehung
16
1.5Gestaltung der Beziehung
17
1.6Macht
18
1.7Beziehung und Technik
19
2Therapeut-Klient-Beziehung: Konzepte und Ergebnisse
21
2.1Konzeptionen
21
2.2Zusammenhang: Therapeut-Klient-Beziehung – Therapieergebnis
23
2.3Bedeutung der therapeutischen Beziehung in verschiedenen Therapieformen
26
2.4Bedeutung der Therapeut-Klient-Beziehung für die Behandlung verschiedener Störungen
27
2.5Resümee: Die Bedeutung therapeutischer Beziehungsgestaltung für den Therapieprozess
27
3Funktionen und Arten der therapeutischen Beziehung
29
3.1Funktionen
29
3.2Gestaltung der therapeutischen Beziehung durch den Therapeuten
37
4Allgemeine Beziehungsgestaltung zum Aufbau personalen Vertrauens
40
4.1Verstehen
41
4.2Akzeptieren
44
4.3Emotionale Wärme
49
4.4Signalkongruenz
49
4.5Respekt
51
4.6Loyalität
52
5Ziele der Beziehungsgestaltung und grundlegende Dilemmata
54
5.1Das Dilemma von Akzeptieren und Verändern
54
5.2Allgemeine Beziehungsgestaltung zum Aufbau von Kompetenzvertrauen
58
5.3Beziehungsgestaltung zum Aufbau von Vertrauen des Klienten zu sich selbst
61
5.4Beziehungsgestaltung und Expertise
65
5.5Haltung und Handlung
67
5.6Beziehung als therapeutisches Agens
68
6Komplementäre Beziehungsgestaltung
70
6.1Was ist komplementäre Beziehungsgestaltung?
70
6.2Anerkennung
71
6.3Wichtigkeit
78
6.4Verlässlichkeit
82
6.5Solidarität
84
6.6Autonomie
87
6.7Grenzen
91
6.8Weitere Komplementaritäten
94
7Die Vereinbarkeit der beiden Komplementaritätskonzepte
95
7.1Zwei Konzepte von Komplementaritäten
95
7.2Das Konzept von Caspar und Grawe
95
7.3Die Vereinbarkeit der beiden Konzepte
96
8Realisation der Beziehungsgestaltung
98
8.1Handlung
98
8.2Implizite und explizite Botschaften
99
8.3Mikro-Prozess-Ebene
100
8.4Ein Therapeut sollte ständig Beziehungsgestaltung auf Mikro-Ebene realisieren
100
9Beispiel für eine komplementäre Beziehungsgestaltung zum Anerkennungsmotiv
102
9.1Der Fall
102
9.2Das Transkript
102
9.3Kommentar
106
Literatur
109