Kapitel 1:
Konrad sammelt an einem Sonntag eine Zahnpastatube auf
Bevor Konnie Trine traf, hatte er nichts als Ärger.
Genau genommen, wurde es danach auch nicht viel besser, nur anders, aber das ist eine lange Geschichte. Konnie hieß eigentlich Konrad und war gerade acht geworden. Das waren schon zwei Gründe für den Ärger.
Wer will schon Konnie genannt werden?
Wer will schon Konrad heißen?
Wer will schon acht sein?
Alsodrei Gründe für Ärger, und der vierte hieß Antonia. Antonia war Konrads ältere Schwester. Sie war sechzehn und glaubte, das und zwei Knöpfe im Bauchnabel seien Gründe genug, ihren Bruder herumzukommandieren.
Konrad hasste sie.
Manchmal.
Na ja, nicht wirklich, aber sie ging ihm auf die Nerven.
So wie Mama und Papa.
Mama und Papa hatten nie Zeit. Sie hatten ein Geschäft, in dem sie beide von morgens bis abends arbeiteten, das heißt, Papa arbeitete sogar nachts. Er war nämlich Bäcker und stand auf, um Brot und Kuchen zu backen, wenn andere Leute noch schliefen. Nun sollte man meinen, wenn Leute so viel arbeiten müssen, dann haben sie zu viel zu tun, um sich noch um so unwichtige Sachen wie Hausaufgaben zu kümmern, oder darum, wie lange man fernsehen darf oder wie die Hose aussieht, in der man gerade Fußball gespielt hat.
Aber von wegen. Sie kümmerten sich nicht nur wie verrückt um solche Sachen, sie merkten auch alles. Der Bäckerladen – Papa hatte es lieber, wenn man „Konditorei“ dazu sagte – war nämlich direkt unter der Wohnung, in der sie alle lebten, Papa, Mama, Antonia und Konrad.
Und immer, wenn Konrad versuchte, so unauffällig wie möglich raus oder reinzukommen (raus, wenn er zum Beispiel keine Lust hatte, seine Hausaufgaben zu machen, rein, wenn er sich vielleicht gerade beim Fußball ein bisschen dreckig gemacht hatte), dann stand garantiert einer gerade hinter dem Ladentisch und sagte: „Na, Konnie, erst zeigst du mir aber deine Hausaufgaben, bevor du rausgehst!“
Wenn Antonia hinter dem Tresen aushalf, und das tat sie oft, denn sie kriegte immer ein bisschen Geld dafür, brachte sie es fertig, vor den Kunden zu sagen: „Konnie, du siehst wieder aus wie ein Schwein!“
Und das war schlimmer als Mama und Papa zusammen.
Sonntags kam am Nachmittag oft Helene zu Besuch. Das war Mamas Freundin. Sie roch gut, aber das Beste an ihr war, dass sie ganz tolle Geschichten erzählen konnte. Eigentlich waren das keine richtigen Geschichten, es war mehr so, dass sie einem Sachen sagte, die wahr waren, aber über die sonst kein Mensch mit ihm sprach, oder dass man sie etwas fragte und sie ganz anders antwortete als die Erwachsenen, die Konrad sonst kannte.
Gerade, zum Beispiel, hatte sie ihm etwas Unglaubliches über Kartoffelchips erzählt.
Kein andere Erwachsener wäre je auf die Idee gekommen, ihm über Kartoffelchips etwas anderes zu sagen als: „Iss nicht schon wieder die ganze Tüte leer!“ oder „Hör auf, hier so herumzukrümeln!“
Helene aber nahm ihm die Packung aus der Hand und sagte: „Guck mal, Konrad“ (Helene sagte immer Konrad, nie Konnie, das war auch ein Grund, weshalb er sie mochte), „was für ein