4. Ein bisschen Geschichte: Am Anfang war das Wort
Mit diesem bekannten Ausspruch eröffnet das Johannes-Evangelium seine Erzählung – im Gegensatz zu den anderen drei Bibel-Evangelien, die mit der Geburt, Kindheit und Taufe von Jesus beginnen. Der Satz: „Am Anfang war das Wort“ ist auch über das religiöse Verständnis hinaus eine äußerst zutreffende Formulierung für den Beginn des Mensch-Seins (gemeint ist der Homo Sapiens mit dem heute noch „gültigen“ Gehirn-Modell) auf der Erde. Er bringt die faszinierende Wirkung von Wörtern zum Ausdruck und symbolisiert den Beginn jeder zielgerichteten Schöpfungsgeschichte, die nur Menschen zustande bringen: Aus dem existierenden Wort heraus können wir Menschen eine körperliche Umsetzung dieses Wortes in die lebendige Wirklichkeit bewerkstelligen.
4.1 Sprache als überlebenswichtiger Vorteil
In der Steinzeit bedeutete die Sprache den alles entscheidenden evolutionären Vorteil für das Überleben der Spezies Mensch. Spätestens nach der Erfindung von Pfeil und Bogen, die beim Jagen den Abstand zwischen Mensch und Tier ermöglichte, schafften die Menschen mit durchdachter Kommunikation eine rasante Wende: Frühere Nachteile wurden für sie zu Vorteilen. Man denke nur an die Bärenjagd. Begegnete einer unserer Vorfahren diesem riesigen Tier allein, war der körperlich schwächere Mensch ganz klar im Nachteil und musste schlimmstenfalls befürchten, getötet zu werden. Durch in Teamwork entwickelte Szenarien hingegen war der Mensch in der Lage, den Bären als Beutetier erfolgreich zu jagen: „Du gehst rechts herum, du schleichst dich von links an und der Rest unserer Gruppe schneidet dem Bären den Fluchtweg ab.“ Diese Verabredungen nahmen mit Gesten, aber vor allem auch mit Worten zunächst nur in den Köpfen der Jagdgesellschaft Gestalt an. Und erst die genaue sprachliche Vorbereitung „in sensu“ – also im sogenannten „Kopfkino“ aller Beteiligten – sorgte dafür, dass jedes Teammitglied später in die verabredete Richtung lief und verabredungsgemäß handelte.
Die Erfahrung, dass wir Menschen mehr Überlebenschancen haben, wenn wir kommunizieren, hat laut Meinung vieler Gehirnforscher zu dem außerordentlich hohen neurologischen Niveau des menschlichen Gehirns geführt. Der Anreiz, sich mit andern verständigen zu können, war wohl die entscheidende biologische Motivation für diese Entwicklung und nicht so sehr der Wunsch, gut rechnen, malen oder Golf spielen zu können. Diese zusätzlichen menschlichen Möglichkeiten der Gehirnbenutzung waren dann eher angenehme Nebenwirkungen der ausgebauten Kapazität „zwischen den Ohren“.
Wir Menschen sind derzeit wohl die einzigen Lebewesen, die sich in der Welt der inneren Wahrnehmung und mit Sprache lebhaft und mit allen Sinnen in ein Zukunftsereignis hineinversetzen können. Wenn wir einen Monat vor einem Geburtstag eine Geburtstagsparty planen, sind beim Ausdenken der Abläufe nahezu die gleichen Gehirnareale aktiv wie bei der Durchführung der Party selbst. Wir entwickeln Ideen, fassen diese in Worte und machen daraus Listen. Wir reden mit uns selbst im intrapersonellen Dialog: „Lieber eine große Torte oder einzelne Teilchen?“ Und selbst wenn die Verpflegung der Gäste sich als Bilder oder Filme vor dem geistigen Auge abspielt, führen erst Wörter und Sätze zum Ergebnis: Wir lesen ein Rezept durch, geben eine Bestellung beim Bäcker auf usw. Wieder formt das Wort die geplante Realität, steht am Anfang der Verwirklichung unserer Pläne.
Biologen sind sich nicht ganz einig, inwieweit Tiere ebenfalls über einen Zukunftssinn verfügen. Auf jeden Fall können Affen anscheinend rechnen und das Eichhörnchen bereitet sich mit seiner Vorratshaltung auf den kommenden Winter vor. Es gibt sogar eine Quallenart – die hochgiftige australische Würfelqualle, auch „Seewespe“ genannt –, die sich nicht nur einfach so im Meer umhertreiben lässt, sondern anscheinend nach Plan in ihrem Jagdrevier regelrecht auf und ab patrouilliert.
Aber auch hier unterscheidet man ein immer wiederkehrendes „automatisches“ Verhalten von einem mit Bewusstsein und Einsicht eingefädelten Projekt, wie etwa dem Bau eines Hochhauses. Letzteres ist eigentlich ein Wunder an Planung, Berechnung und vor allem präziser zwischenmenschlicher Kommunikation. So etwas könnte auch kein Schimpanse mit seinen durchaus bewusst verfügbaren Rechenkünsten verwirklichen – und eine Würfelqualle schon gar nicht.
4.2 Abrakadabra – Sprache wirkt Wunder!
Das Zauberwort „Abrakadabra“ taucht bereits in Schriftstücken der Spätantike auf, also vor über 1500 Jahren. Es gilt als ein besonderes Wort, da es bis heute in den meisten Sprachen die gleiche Aussprache hat und immer noch als magischer Spruch genutzt wird. In Wikipedia heißt es: „A-Bra-Ca-Dabra spielt mit den ersten vier Buchstaben des lateinischen Alphabets und kann sich aus Buchstaben-Magie und Alphabet-Zauber erklären, die in der Spätantike weitverbreitet waren: Das Alphabet hat magische Kraft, weil sich mit ihm alle Dinge der Welt darstellen lassen.“ Es gibt noch andere Thesen zur Entstehung von „Abrakadabra“ – aber der damalige Respekt der Menschen vor dem Alphabet als potenzieller Spiegel der Welt ist ein besonders interessantes Phänomen.
Seit Beginn des Buchdrucks hat diese magische Wirkung von Buchstaben ihre Kraft im Bewusstsein der Menschen immer mehr verloren. Heute sind wir umgeben von Buchstaben, Wörtern und Ziffern, die wir auch selbst unbegrenzt produzieren können. Doch eigentlich ist es immer noch erstaunlich, wie Kommunikation über Sprache, Wörter und Buchstaben funktioniert. Lesen Sie bitte einmal folgendes Wort: HOCHHAUS. Ihr Auge sieht diese acht Buchstaben und in der geistigen Vorstellung taucht sofort ein hohes Gebäude mit vielen Stockwerken auf – also ein Bild, das völlig anders aussieht als besagte acht Buchstaben –, und das geschieht in Bruchteilen von Sekunden. Vielleicht sieht Ihr Hochhaus anders aus als meins, das ich beim Tippen der Zeilen im Kopf hatte. Hier müssten wir uns noch etwas austauschen: Meinte ich einen Wolkenkratzer in New York City oder einen Plattenbau am Stadtrand von Hamburg?
Wir können uns auch vorstellen, Sie hätten mich auf der Straße nach dem Weg zum Bahnhof gefragt und folgende Antwort bekommen: „… und bei dem großen Hochhaus biegen Sie dann rechts ab.“ In diesem Fall hilft der Wortklang „HOCHHAUS“ dabei, dass Sie Ihren Zug pünktlich bekommen – ohne dass man Sie begleiten muss. Aus einem Klang oder aus einem Buchstabengebilde wird ein Wort, aus einem Wort ein Bild in der inneren Wahrnehmung und aufgrund des Bildes kommt es zur Wiedererkennung des HOCHAUSES in der „Welt da draußen“. Daraus wiederum entsteht ein zielgerichtetes Verhalten und bringt Sie zum Bahnhof. Und Sie stellen sich momentan diese Bahnhofsszene vor …, weil Sie gerade diese Wörter lesen.
ABRAKADABRA – es ist eigentlich ein Wunder! Selbst die modernste Robotertechnologie hätte mit dem hier beschriebenen Informationsaustausch viel zu tun. Man müsste Unmengen von Daten, wahrscheinlichen Bildern und Handlungen einprogrammieren, damit ein Roboter einen anderen Roboter bei einer zufälligen Begegnung mittels Sprache zum Bahnhof schicken kann.
4.2.1 Buchstaben machen Gefühle und wirken wie Opernhäuser
Es ist nicht nur erstaunlich, wie detailliert Wörter im Gehirn die ganze Welt spiegeln können, sondern es ist auch faszinierend, wie unser Gehirn Wörter mit Emotionen verknüpft – und welche Konsequenzen diese Tatsache für unser Bewusstsein hat. Unter der Leitung der Psychologin Johanna Kißler konnten Forscher der Universität Konstanz mit einem Leseexperiment herausfinden, dass unser Gehirn auf Wörter, die für uns eine emotionale Bedeutung haben, schneller reagiert als auf neutrale Wörter. Das passiert sowohl bei positiven Begriffen wie „Liebe“ und „Erfolg“ als auch bei negativ aufgeladenen Wörtern wie „Angst“ oder „Eifersucht“. Das Gehirn reagiert nicht nur sehr viel schneller auf die emotionalen Wörter, es behält sie, nachdem sie gelesen wurden, auch länger im Gedächtnis.
Im Experiment fielen die Gehirnreaktionen bei diesen Wörtern besonders stark aus. Als Grund dafür vermuten die Forscher, dass der durch Wörter verursachte Datenstrom auf dem Weg vom Auge zum Sprachzentrum durch die Amygdala geleitet wird. Der „Mandelkern“ wiederum verknüpft das Wort blitzschnell mit einer aus der Lerngeschichte stammenden Emotion (Kißler 2007). Auf diese Weise aktivieren Buchstabenfolgen binnen Bruchteilen von Sekunden Gefühle – wenn das Gehirn das Zeichengebilde als Wort identifiziert. Obwohl Wörter nur abstrakte Zeichenfolgen sind, reagieren wir auf sie mit emotionalen Impulsen – wie in der Steinzeit auf einen Bären oder auf einen voll hängenden Apfelbaum. Die Forscherin Johanna Kißler spricht hier – wie eingangs schon erwähnt – von „Buzzwords“ – also von Wörtern, die in unserem Nervensystem im Vergleich zu neutral wirkenden Wörtern mit einer verstärkten emotionalen Energie verwoben sind.
Dabei macht unser Gehirn noch nicht einmal einen Unterschied zwischen dem Wort APFELBAUM und dem Bild eines Baumes mit Blättern und Früchten.
Apfelbaum =
Das führt zu einem weiteren beeindruckendem Ergebnis der Gehirnforschung: Für unser Gehirn sind Wörter und die Dinge, die sie bezeichnen, neurobiologisch identisch. Der Gehirnforscher Manfred Spitzer beschreibt in seinem Buch „Gott-Gen und Großmutter-Neuron“, dass identische Gehirnzellen sowohl auf das Bild der Schauspielerin Halle Berry als auch auf den Schriftzug HALLE BERRY ansprechen (Spitzer 2007). Auch im Gehirn von Affen reagieren Neuronen auf...