1.
Die Regeln
Es war ein träger Spätsommertag, und ich hörte sie kommen, noch ehe ich sie zum ersten Mal sah.
Das Geräusch ihrer Absätze warf ein schnelles Stakkato an die Wände des Innenhofs. Es wurde untermalt vom trägen Quietschen der Türangeln, das langsam anschwoll und die mittägliche Stille zerschnitt, bis die Tür mit einem lauten Krachen wieder ins Schloss fiel. Der hallende Stechschritt erreichte unsere Hinterhaustreppe und wurde zwei Etagen lang von den dicken Altbauwänden verschluckt. Dann klingelte sie.
Ich sah auf die Uhr. Halb zwei. Außer mir befand sich niemand in der Kanzlei, also erhob ich mich, ging langsam in den Flur und öffnete.
Vor mir stand eine mittelgroße, mittelalte, in mittleres Beige gekleidete Frau mit einer Brille mittlerer Eleganz, unter dem Arm eine Tasche mittlerer Größe, die irritiert auf unser Türschild starrte und mich nun überrascht musterte.
»Frau Hoffmann?«, fragte sie.
Ich grinste sie an und schüttelte den Kopf. »Ich bin Joachim Vernau.«
Ich deutete auf das »&« auf unserem Türschild. »Kanzleipartner. Kann ich Ihnen helfen?«
»Ist sie zu sprechen?«
»Frau Hoffmann ist noch im Gericht, sie müsste aber jeden Moment zurück sein. Wollen Sie solange warten?«
Ihre mittellangen Haare waren von einem mittleren Braun, doch als sie den Ärmel ihrer Kostümjacke zurückschob, um auf ihre Armbanduhr zu blicken, fielen mir ihre Hände auf. Es waren schöne Hände, die sie mit Grazie bewegte. Und sie trug eine schöne Uhr. Die Uhr passte nicht zu ihr. Die Kleidung auch nicht. Die Frau war eindeutig attraktiv, doch sie schien sich die größte Mühe zu geben, diesen Umstand zu verbergen.
Ich trat einen Schritt zurück, um sie einzulassen. Sie zögerte kurz, dann nickte sie und ging an mir vorbei in den Flur. Ich schloss die Tür und drehte mich zu ihr um.
»Und Sie sind …?«
»Katharina Oettinger. Mitoe. Und Doppel-t.«
Sie reichte mir eine trockene, kühle Hand mit festem Griff. Dabei sah sie mir zum ersten Mal richtig in die Augen