Jeden Tag passieren Dinge, die wir eigentlich für unmöglich halten. Wie damals, als Ed die Wohnungstür aufschloss, irgendwo im Haus seine Schlüssel verlor und sie nie wiederfand. Wie an dem Halloween-Morgen, als ich einen ordentlich aufgeräumten Geschirrschrank aufmachte und ein Tellerstapel vom obersten Brett herunterkippte – ein Teller nach dem anderen prallte von meiner Schulter ab und zerschellte auf dem Fußboden. Oder als meine Freundin Marlene den Telefonhörer abhob, um ihre Großmutter anzurufen, und dann war schon jemand in der Leitung, nämlich einer ihrer Cousins, der gerade Bescheid sagen wollte, dass ihre Großmutter an diesem Morgen gestorben war. Wir könnten unser Leben damit zubringen, einen Sinn in den seltsamen, unerklärlichen, scheinbar zufälligen Dingen zu finden, aber die meisten Leute tun das nicht. Und ich tat es auch nicht.
Bald nachdem das Klopfen angefangen hatte, begannen Ed und ich zu streiten. Nicht die ganze Zeit natürlich, wir veränderten uns ja nicht auf einen Schlag. Zuerst war es nur ein bisschen Gezanke, und ich dachte, es wäre einfach so eine Phase. Ich wusste nicht, dass ein Muster dahintersteckte. Ich wusste nicht, dass die Auseinandersetzungen eskalieren würden. Wenn ich genau auf den Punkt bringen müsste, wann diese Phase begann – die Phase, die, wie sich später herausstellte, gar keine Phase war, sondern der Anfang eines unaufhaltsamen Verfalls –, würde ich sagen, es war am Valentinstag dieses Jahres.
Wir hatten geplant, die überfüllten Restaurants zu meiden und uns zu Hause einen romantischen Abend zu machen. Da ich als Erste von der Arbeit heimkam, übernahm ich das Kochen. Ed, der immer ungefähr um sieben zu Hause eintrudelte, sollte Blumen und Wein mitbringen. Um sieben war das Essen fertig – Kalbfleisch in Marsala mit Brokkoli –, der Tisch war gedeckt, und im Backofen stand ein Schokoladen-Soufflé, das ich allerdings gekauft hatte. Aber dann rief Ed um Viertel nach sieben aus dem Büro an und sagte, er würde mindestens noch ein bis zwei Stunden brauchen. Irgendwelche Zahlen mussten nochmal überprüft werden, und das konnte nicht bis morgen warten. Also sah ich mir im Fernsehen die Nachrichten und ein paar Sitcoms an. Dann verzehrte ich bei einer Krankenhausserie eine Tüte Salzbrezeln. Um elf gab es nochmal Nachrichten. Inzwischen hatte sich in der Welt allerdings nicht viel verändert.
Mitten in den Spätabend-Talkshows kam Ed hereingeschlendert, ohne Blumen, ohne Wein.
»Hallo, Schatz«, sagte er, kam zum Sofa und beugte sich zu mir herab, um mich zu küssen. Ich drehte den Kopf weg.Wie kann er es wagen?, hörte ich mich denken.
»Du kommst ziemlich spät«, sagte ich.Er kommt doch immer zu spät, dachte ich. An diesem Abend war das Klopfen in der Wohnung besonders laut.
Klopf-klopf.
»Ich weiß, und es tut mir auch wirklich Leid«, sagte er mit einem übertrieben treuherzigen Hundeblick. »Verzeihst du mir?«
Klopf-klopf.
»Nein«, antwortete ich. »Deine beschissene Entschuldigung reicht mir nicht.«
»Aber Schatz, ich …«
»Es ist Valentinstag!«, schrie ich. »Scheiße, wo warst du denn?«
Klopf-klopf. Klopf-klopf.