Prolog
Mai 1256
Balian dankte Gott und allen Heiligen, als er in London von Bord ging. Die Überfahrt von Calais hatte wegen des flauen Windes ewig gedauert, und sein Bruder und er auf einem beengten Schiff – das ging nicht lange gut. Viel hatte nicht gefehlt, dass einer den anderen ins Meer geworfen hätte.
Endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Balian atmete tief durch und roch den Gestank der riesigen Stadt, betrachtete das Gewirr aus Gassen und Hütten, das sich jenseits der Kais erstreckte. Ihr Schiff lag am Hafen von Billingsgate, das schmutzige Wasser der Themse umspülte den Rumpf. Es wirkte klein und bescheiden gegen die beiden bauchigen Koggen zu ihrer Rechten, doch für ihre Zwecke genügte es. Die Knechte brachten soeben die Wagen an Land und spannten die Ochsen vor. Hafenarbeiter löschten die Ladung: Tuchballen und Moselweine, vor allem aber das begehrte Salz aus ihrer Heimatstadt Varennes-Saint-Jacques im fernen Lothringen.
Michel dirigierte die Männer mit befehlsgewohnter Stimme.Immer selbstbewusst, niemals unsicher, dachte Balian missmutig und wünschte, er könnte genauso souverän auftreten wie sein älterer Bruder. Auf Michel hörten die Leute, sie hingen geradezu an seinen Lippen. Wenn dagegen Balian etwas sagte, wurde es meist belächelt. Er war das schwarze Schaf der Familie Fleury, ein Versager und Tunichtgut, das ließ man ihn bei jeder Gelegenheit spüren.
»Balian!« Sein Bruder rief nach ihm.
Balian sah, dass soeben Clément Travère von Bord ging. Ihr Schwager, der Gemahl seiner Zwillingsschwester Blanche, war Michelsfattore und unternahm normalerweise die Handelsfahrten, während Michel das Familiengeschäft von der heimischen Schreibstube aus leitete. Diesmal war Michel ausnahmsweise mitgekommen, denn wichtige Geschäfte standen an.
Die Hand auf dem Schwertknauf, schritt Balian zu den beiden Männern.
»Ich habe alles überprüft«, berichtete Clément. »Die gesamte Ware ist draußen.«
»Gut«, sagte Michel. »Wir gehen heute nicht auf den Markt, das lohnt sich nicht mehr. Wir bringen die Ware zur Guildhall und gehen morgen in aller Frühe. Einverstanden?«
»Das erscheint mir sinnvoll«, antwortete Clément.
»Da kommt der Büttel des Sheriffs. Wo habe ich denn die Privilegienbriefe …? Ah, hier.« Michel förderte ein Bündel Pergamente zutage.
Balian überließ ihn seinen höchst wichtigen Aufgaben und half den Knechten, die Fässer und Tuchballen auf den Wagen zu verstauen. Körperliche Arbeit zog er stets den lästigen Pflichten eines Kaufmanns vor. Das Schachern mit Vertretern der Obrigkeit war ihm ein Graus, ganz im Gegensatz zu Michel, der beim Verhandeln in seinem Element war.
Balian dachte oft darüber nach, wieso Gott ihre Talente so ungleich verteilt hatte. Michel kam ganz nach ihrem legendären Großvater. Seit er das Familiengeschäft von ihrer greisen Großmutter übernommen hatte, führte er es mit Umsicht und Geschick. Obwohl erst achtundzwanzig Jahre alt, galt er bereits als einer der besten Kaufleute Varennes’. Niemand zweifelte daran, dass er einmal Großes vollbringen würde. Und die Frauen – sie lagen ihm zu Füßen. Trotzdem hatte er bisher nicht geheiratet. Michel schätzte seine Freiheit.
Balian hingegen lag niemand zu Füßen. Alles an ihm war mittelmäßig – seine Intelligenz,