beginn
Mein Leben auf Odyssey begann wie das aller anderen, in einer Institution, die es nur auf dieser Insel gibt: der Behörde für Namen und Werdegang. Ein so unspektakulärer Name für etwas, das ein ganzes Leben bestimmt. Man geht dorthin, wenn man das sechste Lebensjahr erreicht hat; was nicht dem Tag entspricht, an dem man geboren wurde. Nein, man wird pünktlich zum Jahreswechsel ein Jahr älter.
Somit sprechen die Erwachsenen in der Regel vonJahrgängen. Wenn man also auf den Straßen hörte, dass sich eine alte Frau über den 2189er Jahrgang beschwerte, dann waren ihr die siebenjährigen Kinder ein Graus.
Ich war ein 2190er und damit alt genug, zur Behörde zu gehen, denn ich hatte den Brief erhalten, der irgendwann während des sechsten Lebensjahres ins Haus flattert. Natürlich ging ich nicht allein, sondern an der Hand meiner Mutter, die mich niemals aus den Augen ließ. Gemessen an den meisten Eltern auf Odyssey hatte meine Mutter Kinder wirklich gern und kümmerte sich um sie. Und nicht nur sie, auch mein Vater tat das. Allerdings in einem sehr beschränkten Maß, denn er war Schrotthändler. Das ist auf Odyssey wohl der anstrengendste Beruf, den es gibt.
Das, was in der Behörde geschah, war zu simpel, obwohl es unser ganzes Leben bestimmte. Dort saß ein Beamter, der uns unseren Namen und unseren Beruf gab. Mehr tat er nicht.
Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie es in der Behörde für Namen und Werdegang aussah: ein muffiges Blechding mit einem Kerl hinter einer Glasscheibe. Er trug die graue Uniform der Sieger und rauchte, dass mir von dem ganzen Qualm die Augen tränten.
Rauchen ist teuer, der Mann musste also sehr reich sein. Dass er noch hier saß, bedeutete, dass er wohl immer noch nicht genug Geld hatte, um sich zur Ruhe zu setzen, aber gerade genug, um sich den Luxus von Zigarren leisten zu können.
Da stand ich nun, die Hand meiner Mutter fest im Griff, den Blick zu Boden gerichtet, wie sie es mir eingeschärft hatte, und wartete. Mom schwor Stein und Bein, dass aufmüpfige Kinder gemeine Namen bekamen. Ein Mädchen von gegenüber hatte den zuständigen Beamten angeblich frech angeschaut, woraufhin er ihr den Namen Aphthae epizooticae verpasst hatte, was Maul- und Klauenseuche bedeutete. Und nicht nur das, er hatte ihr außerdem den gefährlichen Job eines Tauchers zugewiesen, sodass sie mittlerweile nur noch selten auf der Straße anzutreffen war. Ihre Tage verbrachte sie nun in der Taucherschule, was sich vielleicht nett anhört, aber in Wirklichkeit harter Drill ist. Wir Kinder nannten sie Apha, weil wir Mitleid hatten.
Schon als Kind fand ich es merkwürdig, dass eine Krankheit als Name zugelassen und dann noch in diesem riesigen Buch verzeichnet war. Wie sollte denn so jemanden ein gutes Schicksal erwarten?
Mein Blick fiel auf das Buch, das vor dem Beamten lag. Es war golden und mit allerhand Steinen und Muscheln beklebt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie viele Seiten es hatte und wie viele Buchstaben darin stehen mochten. Was Buchstabe