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»Bist du bereit?«
Pendo zögerte.
»Bist du bereit?«, fragte sein Vater noch einmal.
Er atmete tief durch und nickte.
»Dann los«, befahl der Vater und schubste ihn in den Ring. »Lasst ihn rein«, rief er über Pendos Kopf hinweg und schloss das Gatter hinter ihm. Dann tätschelte er ihm liebevoll den Kopf und flüsterte, »Du schaffst das, Großer, los geht ’s.«
Pendo richtete sich auf, umfasste das dicke Seil, das er bei sich trug noch fester mit seinen Fäusten, ging kraftvoll ein paar Schritte vorwärts, blieb stehen und wartete, den Blick fest auf das große Holztor geheftet, das sich jeden Augenblick öffnen würde.
Die Wand, zu der das Tor gehörte, war ein gutes Stück von Pendo entfernt. Dennoch schien es ihm, als käme sie mit ihrer Rundung und der Schräge zu den Seiten hin geradewegs auf ihn zu, als wolle sie ihn umzingeln, einschließen oder sogar erdrücken.Reiß dich zusammen, sagte er sich,konzentriere dich auf das Wesentliche. Wieder fixierte er das Tor. Aus den Augenwinkeln erkannte er rechts und links die Sitzreihen außerhalb des Rings. Je fester er auf einen einzigen Punkt vor sich starrte, desto klarer wurde die Sicht um ihn herum. Die Sitze waren leer. Nicht ein Platz war besetzt, so weit sein Blick reichte. Auch auf den Plätzen in den Reihen, die sich hinter ihm zu einem Kreis schlossen, saß keine Seele. Das wusste Pendo, ohne es sehen zu müssen. Aber er wusste auch, dass sie hinter ihm standen, in dem breiten Gang zwischen den Sitzen und dem Zaun, der das Publikum von der Bühne trennte. Vater, Großvater, der Lehrer und die anderen Jungen. Alle standen sie da, erwartungsvoll und angespannt. Diejenigen, die es bereits hinter sich hatten voller Stolz, die anderen, die es noch vor sich hatten, mit leiser Furcht.
Seine Aufregung hatte sich gelegt. Er starrte auf das riesige Holztor am gegenüberliegenden Ende der Arena und hörte seinem eigenen Atem zu. Alles um ihn herum erschien ihm langsamer und leiser, alle seine Muskeln waren angespannt und seine Konzentration galt dem, was vor ihm lag.
In diesem Augenblick öffnete sich das Tor, zunächst nur einen Spalt, bis es langsam immer weiter aufging. Plötzlich vernahm er dahinter ein Knurren. Zwar wusste er, was gleich, aus dem Dunkeln heraus auf ihn zustürzen würde, jedoch kam ihm dieses Knurren ungewöhnlich lang und derart durchdringend vor, als sei es nicht von dieser Welt. Mit einem Mal hob das Knurren zu einem regelrechten Brüllen an, das die Wände der Arena erzittern ließ und Pendo in seinem tiefsten Innern erschütterte. Dann ging es in eine Art Fauchen über, das ihm erschien, als könne es ihn in seiner Schärfe wahrhaftig in der Mitte zerreißen. Für einen Augenblick verlor er die Konzentration. Ein einziger Wimpernschlag war es, der seinen fest haftenden Blick von dem großen Tor trennte, ein Sekundenbruchteil, in dem er wankte und den besonderen Blick, mit dem er alles verlangsamt wahrnehmen konnte, verlor.
Nun geschah daher alles in Sekundenschnelle und traf Pendo unvorbereitet.
Die beiden Torflügel schwangen auf und der Yagura stürzte auf Pendo zu. Blanke Angst erfasste ihn und nur mit Mühe unterdrückte er Panik. Hinter sich vernahm er die anfeuernden Rufe seiner Mitschüler. Das Tier war nur einige Schritte von ihm entfernt. Im nächsten Augenblick würde es sich auf ihn stürzen. Ausgehungert, wie es war, würde es ihn bei lebendigem Leibe zerfetzen, wenn er nicht sofort etwa