: Jorgo Chatzimarkakis
: Tagebuch eines griechischen Euro Eine europäische Geschichte
: Größenwahn Verlag
: 9783957710741
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 200
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Am 8. April 2001 wird um 11.33 Uhr in der staatlichen Münzprägeanstalt Athens eine griechische Ein-Euromünze gestanzt. Als monetärer Newcomer beginnt dieser griechische Euro spontan Tagebuch zu führen und tut dies bis zu seinem vorzeitigen Ende am Meeresgrund vor der Insel Ägina im März 2015. Dazwischen liegen turbulente Jahre, in denen die hellenische Euromünze durch die Hände mehrerer Besitzer wandert: Bettler und Oligarchen, Griechen und Deutsche, Politiker und Demonstranten, Einwanderer und Nationalisten. In den ersten Jahren seiner Existenz beherrscht ein Hochgefühl die Hellenen. Voller Stolz bekennen sie sich zu ihrer Mitgliedschaft in der Euro-Familie, gewinnen die Fuß-ball-Europameisterschaft, Athen wird zum Schauplatz der Olympischen Spiele und Griechenland wähnt sich angekommen im Zentrum der Welt. Dann schleichen sich erste politische Manipulationen ein. Das Vertrauen zwischen Nord- und Südeuropäern wird erschüttert. Das Ausbrechen der Staatschuldenkrise 2009 wirft den griechischen Euro in ein Wechselbad der Gefühle; von den großen Demonstrationen in Athen bis hin zum politischen Gipfeltreffen in Cannes, das die deutsche Bundeskanzlerin weinen und den griechischen Ministerpräsidenten zurücktreten lässt. Unser Protagonist spürt schmerzlich den wachsenden politischen Liebesentzug. Er erlebt die Erfahrungswelten sowohl der Leidtragenden als auch der Nutznießer dieser alles erfassenden Eurokrise, durchleidet die Doppelzüngigkeit von Politikern und Bänkern ebenso wie die Hilflosigkeit der einfachen Menschen. Am Ende wird unser griechischer Euro zum Hauptzeugen aller Rettungsversuche der Anfang 2015 gewählten Regierung und macht sich Gedanken grundsätzlicher - um nicht zu sagen: existenzieller - Art über das eigene Sein. Jorgo Chatzimarkakis erlaubt dem Leser mit seinem 'Tagebuch eines griechischen Euro' einen Blick hinter die Kulissen der Eurokrise - aus der Perspektive der täglichen Nutzer und Ausnutzer der europäischen Währung.

Jorgo Chatzimarkakis 1966 in Duisburg geboren, durchlebte als deutsch-griechischer Politiker die Turbulenzen der Eurokrise aus beiden Perspektiven. Er war Sonderbotschafter Griechenlands, ein Jahrzehnt lang deutscher Abgeordneter im Europäischen Parlament und ist Begründer der griechischen Partei 'Hellenische Europabürger'. Als langjähriger Präsident der Deutsch-Hellenischen Wirtschaftsvereinigung kennt er das Auf und Ab in den Beziehungen seiner beiden Heimatländer. Die Debatte um die europäische Währung hat seine Arbeit in den letzten Jahren dominiert, was ihm tiefe Einblicke in die Architektur der Eurorettung verschaffte. Der Autor ist verheiratet, hat drei Töchter und bewegt sich zwischen Luxemburg, dem Saarland, Kreta und Brüssel.

17. November 2004


Da bin ich also wieder, zurück am Ort meiner Entstehung. Auf dem Weg vom Flughafen in die Athener Innenstadt holt mich Nicolas aus seiner Hosentasche und wendet sich dem neben ihm auf der Rückbank des Autos sitzenden Claude zu: »Schau, dieser Griechen-Euro hier ist ein Talisman. Er landete irgendwie in meiner Kapuze während der Abschlussfeier der Olympischen Spiele im Stadion. Du glaubst gar nicht, wie wichtig es mir ist, dass es ihn überhaupt gibt.«

»Du meinst, weil Griechenland es aus eigener Kraft und ohne statistische Betrügerei kaum geschafft hätte. Hinzu kommt die tatkräftige Unterstützung durch das Bankhaus Silverman Flux, mit ordentlicher Vergütung für alle eng Beteiligten. Ist doch längst kein Geheimnis mehr. Auch ich war damals der Ansicht, dass das Land noch nicht reif sei. Aber dann kam ja diese – für uns alle unglaubliche – Kraftanstrengung der Griechen, um es doch noch rechtzeitig hinzukriegen. Jetzt wissen wir, dass es keine Disziplin war, sondern kreative Buchführung, die das Land in den Euro geführt hat«, grummelt Claude.

»Als ob dein Belgien damals die Voraussetzungen erfüllt hätte!«, erwidert Nicolas indigniert. »Euer Gesamtschuldenstand war doch viel zu hoch.«

»Mag sein, aber unsere Tendenz zeigte ganz klar nach unten. Das war eben bei der Bewertung der Kriterien eine der Voraussetzungen. Wir haben damals wirklich diszipliniert und hart daran gearbeitet«, kontert Claude sachlich.

»Genau das hat die damalige griechische Regierung auch getan. Die Tendenz bei allen Kriterien lief in die richtige Richtung. Warum darf nur für Belgien gelten, was anderen vorenthalten wird?«, fragt Nicolas, immer noch empört über die Zweifel des Fraktionsvorsitzenden.

»Warum dann ausgerechnet jetzt dieser Vorstoß des neuen griechischen Finanzministers, dass sein Land getrickst habe? Was will er damit bewirken? Kapiert er denn nicht, dass er die Glaubwürdigkeit nicht nur seines Landes, sondern von uns allen aufs Spiel setzt?«, hakt Claude, zunehmend entrüstet, nach.

»Ich hab das recherchiert. Alle Argumente sind hier für unser Gespräch mit dem Finanzminister zusammengetragen.« Mit diesen Worten überreicht der luxemburgische Grieche eine Akte an Claude. »Die Kosten für die Olympischen Spiele waren so überdimensional hoch, dass die Kassen jetzt definitiv leer sind und gleichzeitig der Schuldenstand massiv in die Höhe getrieben wurde. Es heißt, die Kosten für Olympia 2004 waren neun mal so hoch wie die für Olympia 2000 in Sydney«, referiert Nicolas weiter.

»Dann stimmt es also doch, dass die Griechen die Statistik gefälscht haben?«, fragt Claude vorsichtig.

»Nun, zum Zeitpunkt des Eurobeitritts stand nur ein Teil der Ausgaben an, und die Verschuldung entsprach in etwa den Angaben. Die Mehrkosten entstanden ja vor allem in den Jahren 2002 und 2004