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Andreas Eckert
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Herrschen und Verwalten Afrikanische Bürokratien, staatliche Ordnung und Politik in Tanzania, 1920-1970 (Studien zur Internationalen Geschichte, Band 16)
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De Gruyter Oldenbourg
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9783486579062
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1
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CHF 48.70
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Am Beispiel Tanzanias stellt Andreas Eckert jene Afrikaner in den Mittelpunkt, die zunächst Funktionen im kolonialen Staatsapparat ausübten und dann - mit der Unabhängigkeit - das Erbe der europäischen Kolonialherren an der Spitze des Staates antraten. Die afrikanischen Verwaltungsmitarbeiter nahmen in der kolonialen Ordnung eine zentrale Rolle ein und agierten als Mittler undÜbersetzer zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten.
Diese Position eröffnete ihnen neue Handlungsspielräume und Möglichkeiten, die weitüber das hinausgingen, was die kolonialen Organigramme ihnen als Tätigkeitsfelder zuwiesen. Vor dem Hintergrund ihrer enorm heterogenen Erfahrungen, Verhaltensweisen und Handlungsspielräume schreibt der Autor eine politische Geschichte Tanzaniasüber einen Zeitraum von rund fünfzig Jahren.
"V. Kontinuitäten Tanzania als unabhängiger Staat, 1960- 1970 (S. 217-218)1. Afrikanischer Sozialismus. Politik und Ideologie in Tanzania a) Rauhe Realitäten. Tanzania in der internationalen Ordnung In den zwei Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit verfolgte die Regierung Tanzanias unter Nyerere eine Politik, die unter internationalen Beobachtern wegen des nachhaltigen Engagements für Selbständigkeit und das Vertrauen auf die eigenen Kräfte und Ressourcen self reliance) gepriesen wurde.1 Andere lobten zudem die Anstrengungen, einen spezi.schen „afrikanischen Sozialismus"" zu kreieren und zu praktizieren. Nyerere selbst wurde eine weltweit bekannte Persönlichkeit, ein Fürspreche der „Ärmsten der Armen"". Er verlangte eine neue internationale Wirtschaftsordnung, die den .nanzschwachen Staaten der so genannten Dritten Welt einen größeren Anteil am globalen Reichtu verscha.en würde. Er versuchte, die blockfreien Staaten so zu organisieren, dass sie ihre Interessen in einem gemeinsamen Programm vertreten würden. Seine langfristigen Visionen klangen in den Ohren vieler westlicher Sozialisten vertraut. Denn Nyereres Perspektive schöpfte aus den Konzepten des Fabier-Sozialismus: Der Staat besitzt die Mehrzahl der Produktionsmittel, gleicht die Einkommen an und bietet ein breites Spektrumsozialer Dienste. Tanzania wurde zu einem der bevorzugten Empfängerländer von Entwicklungshilfegeldern. Diese Rolle verdankte es nicht zuletzt der Tatsache, dass westliche Regierungen schon aus Imagegründen darauf bedacht waren, nicht ihre gesamte Hilfe rechten, konservativen Regimen zukommen zu lassen.3 Das vergleichsweise moderat sozialistische Tanzania bot ein nützliches Korrektiv. Der „tanzanische Weg"" war jedoch voller Widersprüche: Die eingeschränkte Meinungsfreiheit, politische Gefangene, die wachsende Macht der staatlichen Bürokratie, die mit Zwangsumsiedlungen größeren Ausmaßes verbundene Agrarpolitik und die zahlreichen ökonomischen Misserfolge standen für die dunkle Seite der Entwicklung des Landes nach der Unabhängigkeit. Nyerere genoss jedoch nicht zuletzt aufgrund seines umfangreichen Schrifttums, seiner ostentativ zur Schau getragenen Bescheidenheit und seiner für afrikanische Staatsoberhäupter eher ungewöhnlichen Fähigkeit zur Selbstkritik großen Respekt, zuweilen Bewunderung unter westlichen Intellektuellen. Er war unter Linken und Dritte-Welt-Begeisterten eine Art Kult.gur. 4 Doch bereits 1967 218 V. Kontinuitäten spottete der kenianische Politologe Ali Mazrui über die weit verbreitete „Tanzaphilie"", die oft die Form einer „Nyererephilie"" annahm. Mazrui zufolge schätzten die Intellektuellen Nyerere so sehr, weil sie in ihm einen fellow intellectual im Besitz politischer Macht sahen.5 Er bot einen Untersuchungsgegenstand, der attraktiv erschien, weil sich die Forscher aus Europa und den USA in ihm selbst begegneten, aber doch in idealer Verfremdung.6 Das folgende Kapitel über die erste Dekade des unabhängigen Tanzania will sich jedoch nicht allein auf seine Person konzentrieren, wenngleich er aufgrund seiner großen Bedeutung (und seiner außerordentlich großen Präsenz in der Literatur) immer wieder ins Blickfeld rücken wird. Im Mittelpunkt steht aber generell die Gruppe der afrikanischen Bürokraten und ihre Rolle in der staatlichen Ordnung, wobei die enge Verknüpfung von Verwaltung und Politik besondere Aufmerksamkeit verdient. Ein spezielles Augenmerk gilt zudem den Kontinuitäten zwischen der britischen Kolonialpolitik und den Strategien und Aktivitäten de politischen Führung und bürokratischen Elite. Zunächst soll jedoch knapp die Position Tanzanias im Rahmen der von Kaltem Krieg und Systemauseinandersetzung charakterisierten internationalen Beziehungen skizziert werden.7 In den ersten Jahren seiner Existenz orientierte Tanzania seine Außenpolitik deutlich in Richtung Westen.8 Die politischen Führungspersonen bemühten zwar regelmäßig die Rhetorik der Blockfreiheit, um deutlich zu machen, dass Tanzania keineswegs von Großbritannien und den USA abhängig sei. Nyerere unternahm Reisen in die Sowjetunion und nach China. Doch die .nanziellen Quellen und die Expertise, aus denen das Land zu schöpfen gedachte, sollten vornehmlich aus dem Westen kommen."
Andreas Eckert ist Professor für Afrikanische Geschichte an der Humboldt Universität zu Berlin. Er publizierte zahlreiche Veröffentlichungen zum Kolonialismus und zu Afrika im 19. und 20. Jahrhundert.
Inhalt 6 I. Einleitung: Auf der Suche nach „Good Governance“ 10 1. Das Thema 10 2. Herrschaft und Bürokratie 15 3. Kolonialer Staat und Kolonialismus 19 4. Akteure und Eliten 28 5. Tanzania 32 6. Die Quellen 35 7. Aufbau der Arbeit 37 II. Indirekte Herrschaft, 1920- 1940 40 1. Das „deutsche Erbe“. Aspekte der deutschen Herrschaft in Ostafrika 40 2. Die Verwaltung der „imperialen Provinz“ 48 3. „Education for Adaptation“. Koloniale Ordnungsvorstellungen und -strategien 72 4. Afrikanische Bürokraten 89 5. Zusammenfassung 103 III. Koloniale Staatsbildung und Dekolonisation, 1940 - 1960 106 1. Die zweite koloniale Besetzung 106 2. Demokratie wagen. Versuche der administrativen und politischen Neuordnung 120 3. Die Organisation des Sozialen 147 4. „Education for Development“ 163 5. Zusammenfassung 174 IV. Kulturelle Makler. Afrikanische Bürokraten und das Ende der Kolonialherrschaft 176 1. Staatsdiener im Zwischenraum 176 2. Bürokraten als Chiefs. Thomas Marealle 188 3. Bürokraten als Politiker. Julius Nyerere 203 4. Bürokraten als Gewerk- und Genossenschaftler. Rashidi Kawawa und Paul Bomani 213 5. Zusammenfassung 224 V. Kontinuitäten. Tanzania als unabhängiger Staat, 1960- 1970 226 1. Afrikanischer Sozialismus. Politik und Ideologie in Tanzania 226 2. Who’s Who? Zum Profil der Staats- und Verwaltungselite 240 3. Versuche der Neuordnung 252 4. Der Paternalismus der Verwalter. Ländliche „Entwicklungspolitik“ 262 5. Zusammenfassung 268 VI. Nachbetrachtung 270 VII. Danksagung 276 VIII. Anhang 278 1. Abkürzungen 278 2. Tabora-Absolventen in höheren Staats- und Verwaltungsämtern, 1963- 1964 279 3. Quellen- und Literaturverzeichnis 282 4. Verzeichnis der Karten, Schaubilder und Tabellen 312 5. Verzeichnis der Abbildungen 312 Register 314 Studien zur Internationalen Geschichte 324