: Josef Pieper
: Schwierigkeit
: Kösel
: 9783641180102
: 1
: CHF 2.70
:
: Christentum
: German
Die in diesem Band zusammengefassten Arbeiten verstehen sich durchweg als »notgedrungene Klärungsversuche, provoziert durch ›die Schwierigkeit, heute zu glauben‹«. Sie sprechen von der Realität des Sakralen, von der »irdischen Kontemplation«, der möglichen Zukunft der Philosophie, der »Kunst, nicht zu verzweifeln«, vom Zusammenhang zwischen Missbrauch der Sprache und Missbrauch der Macht. Das Buch ist nicht nur geprägt durch die Überzeugung, der Mensch könne nicht bloß dadurch zu Schaden kommen, dass er den Anschluss an die Zukunft versäumt, sondern auch dadurch, dass er das Unentbehrliche verliert und vergisst. Dennoch träfe der Versuch, es in die Rubrik »konservativ« einzuordnen, am Kern der Sache vorbei.

Josef Pieper, (1904-1997), einer der großen Autoren des Kösel-Verlags, war einer der bekanntesten christlichen Philosophen der Gegenwart. Am 4. Mai 2014 hätte er seinen 110. Geburtstag gefeiert. Piepers Schriften wurden in viele Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von weit über einer Million Exemplare.

Über die Schwierigkeit, heute zu glauben


Das Vertrackte an aller Erörterung von Gründen und Gegengründen im Felde des Glaubens erklärt sich dadurch, dass Glaube, genaugenommen, gar nicht auf Gründen, jedenfalls nicht auf formulierbaren Sachargumenten, beruht und also auch nicht durch solche Argumente erschüttert werden kann. Natürlich ist das eine einigermaßen missverständliche Ausdrucksweise; aber die Sache ist eben äußerst kompliziert. Einerseits geschieht Glauben, wenn es mit rechten Dingen zugeht, nicht ins Blaue hinein, selbstverständlich nicht. Anderseits ist die Entscheidung, zu glauben, auch nicht einfach der Schlusssatz einer Argumentation. Man ist niemals, etwa durch die Gesetze der Logik, genötigt, zu glauben. Glauben ist seiner Natur nach gerade nicht eine zwingende Schlussfolgerung. Wenn ich eine Rechnung durchführe, dann kann ich eines Augenblicks nicht anders, als das Resultat anzuerkennen; es ist mir einfach nicht möglich, ich bringe es gar nicht zustande, der wahren Erkenntnis, die sich mir da zeigt, Widerstand zu leisten. Aber dem Glaubenden zeigt sich der Sachverhalt, den er im Glauben akzeptiert, gerade nicht; da ist keine Nötigung durch die Wahrheit. Da ist wohl die Glaubwürdigkeit eines anderen, eben dessen, der mir versichert, es verhalte sich so, wie er sagt. Und diese Glaubwürdigkeit lässt sich natürlich auch nachprüfen, bis zu einem gewissen Grad. Jedenfalls kann es so viele Gründe geben für die Glaubwürdigkeit eines Zeugen, dass es unvernünftig wäre und übrigens auch unanständig [vielleicht], ihm nicht zu glauben. Dennoch: ich »muss« das nicht, ich muss ihm nicht schon glauben. Zwischen der klaren zwingenden Einsicht in die Glaubwürdigkeit eines Menschen einerseits und dem ihm wirklich entgegengebrachten Vertrauen und Glauben anderseits liegt ein völlig freier Willensakt, zu dem nichts mich zwingen kann und niemand – wie man mir ja auch die Liebenswürdigkeit eines Menschen noch so überzeugend und bezwingend vor Augen führen mag, ohne dass ich ihn darum schon lieben müsste. Man kann »widerwillig« zugeben, dass etwas sich so oder so verhält, aber man kann weder widerwillig lieben noch auch widerwillig glauben. Das steht schon bei Augustinus in seinem Johannes-Kommentar:nemo credit nisi volens – niemand glaubt, es sei denn freien Willens. Weil also Glauben seiner Natur nach auf Freiheit beruht und aus der Freiheit entspringt, darum ist er – wie übrigens auch das schlichte, noch gar nicht religiöse Einander-Glauben-Schenken im alltäglichen mitmenschlichen Umgang – ein in besonderem Sinn unaufhellbares Phänomen, etwas dem Geheimnis mindestens Benachbartes und Verwandtes.

Eben dies macht es begreiflich oder doch begreiflicher, warum es seine spezifische Misslichkeit hat, in bezug auf Glauben oder auch in Bezug aufNichtglauben überhaupt von Gründen zu reden, von sachlichen Argumenten. Entscheidend ist in allem Glauben nicht der Sachverhalt, der sich dann mehr oder weniger zwingend begründen oder auch widerlegen ließe; entscheidend ist das Persönliche, die Begegnung, heißt das, der Person des Zeugen, der die Wahrheit eines Sachverhaltes verbürgt, mit der Person des Glaubenden, der sich, indem er den Sachverhalt akzeptiert, auf die Person des Bürgen verlässt. Das hat mit »Irrationalismus« nicht das mindeste zu tun. Es handelt s